Internationaler Karlspreis zu Aachen

Vortrag von Prof. Dr. Eversheim

Als in diesen Dezembertagen vor 50 Jahren der Aachener Kaufmann Dr. Kurt Pfeiffer einen Preis für Persönlichkeiten anregte, die sich um die westeuropäische Einigung, die Humanität und den Weltfrieden verdient gemacht haben, konnte keiner voraussehen, dass sich der Internationale Karlspreis zur wichtigsten und renommiertesten europäischen Auszeichnung für Verdienste um Europa und die europäische Einigung entwickeln würde.

Versetzen wir uns zwei Generationen nach der Stiftung des Karlspreises in die Lage seiner Initiatoren zurück. Der vom Deutschen Reich entfesselte Zweite Weltkrieg hatte zu großen Zerstörungen in Europa geführt. Aachen, die erste von den alliierten Streitkräften befreite deutsche Stadt, war nicht nur wochenlang Kriegsschauplatz, sondern sie war auch die einzige Großstadt, die zwangsevakuiert und ausgeplündert wurde. Zur materiellen Not der Bevölkerung, der Auflösung ihrer sozialen Beziehungen und vertrauten Lebenswelt kam die geistig-moralische Desorientierung hinzu, die wenig Raum für einen zukunftsweisenden Wiederaufbau zuließ.

Der Aachener Kaufmann Dr. Kurt Pfeiffer teilte die Wissbegierde weiter Bevölkerungskreise nach Jahren geistiger Manipulation und Indoktrination. Dies veranlasste ihn und seine Freunde im Jahre 1946, einen kleinen Lesekreis mit wichtigen Persönlichkeiten aus der Stadt, die "Corona Legentium Aquensis" zu gründen. Mit seiner finanziellen Unterstützung konnte der in Aachen zunehmend an Bedeutung und Einfluss gewinnende Lesekreis Ausstellungen und Vortragsreihen mit Politikern, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden aus ganz Europa durchführen. Die Diskussionen in dieser Corona regten Pfeiffer an, darüber nachzudenken, ob es ausreicht, neuen Gedanken und Ideen ein Podium zu geben, oder ob man nicht vielmehr aktiv und öffentlichkeitswirksam den nach den beiden Weltkriegen als bedrohlich empfundenen Ost-West-Konflikt beeinflussen sollte. Der Kaufmann suchte nach einer Möglichkeit, Einfluss auf das politische Geschehen in Europa zu gewinnen und bei einer friedlichen Gestaltung der Zukunft mitzuwirken, ohne die langwierigen Entscheidungsprozesse politischer Parteien oder Parlamente beschreiten zu müssen.

Die Ausgangsbedingungen für eine europapolitische Initiative waren im Winter 1949 denkbar gut. Die westeuropäischen Integrationsbemühungen waren in eine tiefe Krise geraten, als die Briten im September 1948 ihre Verhandlungen mit der französischen Regierung über eine gemeinsame Zollunion aufgaben und im November 1949 den Ausbau des Europarats zu einer europäischen Institution stoppten. Daraufhin folgte die amerikanische Aufforderung an den französischen Außenminister Robert Schuman, die Führung bei der Integration Westdeutschlands in ein supranationales Europa zu übernehmen; diese blieb jedoch in Paris lange Zeit unbeantwortet. Diese Übergangsphase bildete einen geeigneten Nährboden für europapolitische Initiativen, zumal die voranschreitende Blockbildung in Europa und die zunehmende Vehemenz des Kalten Krieges die Angst vor einer neuen militärischen Auseinandersetzung auf dem alten Kontinent schürten. Kurt Pfeiffer erkannte offenbar diese einmalige Gelegenheit und regte im Dezember 1949 eine Auszeichnung für Verdienste um Europa an.

Geschickt wählte Pfeiffer das bevorstehende Weihnachtsfest und das von Papst Pius XII. angekündigte Heilige Jahr, um am 19. Dezember 1949 auf einem Treffen der Corona seine Idee für die Stiftung eines "Aachener Preises" für Verdienste um die westeuropäische Verständigung, um den Weltfrieden und die Humanität der Öffentlichkeit vorzustellen.

Die Pfeiffersche Initiative fand einen positiven Widerhall - sowohl bei der Presse als auch bei wichtigen Persönlichkeiten. Dies ermutigte ihn, seine Pläne energisch voranzutreiben.

Innerhalb weniger Tage versammelte Kurt Pfeiffer hohe Repräsentanten aus der Stadtverwaltung, der Technischen Hochschule, der katholischen Kirche, der städtischen Politik sowie der Wirtschaft, und sie veröffentlichten die sogenannte "Proklamation von Weihnachten 1949", die auch heute noch das geistige Fundament des Karlspreises bildet.

Vonseiten der Stadt beteiligten sich Oberbürgermeister Dr. Albert Maas, Oberstadtdirektor Albert Servais und Bürgermeister Ludwig Kuhnen. Mit dem Preis sahen sie die Möglichkeit, die halb vergessene europäische Vergangenheit der Stadt wiederzubeleben, den Blick der europäisch Interessierten wieder auf Aachen zu lenken und damit den Namen der Kaiserstadt über die eigenen Grenzen hinaus bekannt zu machen. Denn Aachen war einstmals Mittelpunkt des ersten europäischen Reiches unter Karl dem Großen, wiederholt Ort wichtiger europäischer Friedenskongresse, lange Zeit Fürstenbad und bekannt durch die alle sieben Jahre stattfindende Heiligtumsfahrt, worauf man zu Recht stolz sein konnte.

Pfeiffer selbst regte daher an, der Auszeichnung den Namen "Karlspreis der Stadt Aachen" zu geben und damit eine Brücke zwischen europäischer Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. Karl der Große war jedoch mehr als nur ein Namensgeber und Werbeträger, er war auch Programm für den Stifterkreis, der die Keimzelle der späteren Karlspreisgesellschaft bildete. Mit dem Namen des bedeutendsten Frankenkönig fand auch die Idee des christlichen Abendlandes Eingang in die Proklamation.

Ob nun Bischof Dr. Johannes Josef van der Velden als Hüter der Grabeskirche des Vaters Europas, wie Karl der Große in einer zeitgenössischen Quelle bezeichnet wurde, oder aber beispielsweise der Professor für Philosophie Dr. Peter Mennicken hierfür verantwortlich waren, bleibt aufgrund der lückenhaften Überlieferung ungeklärt.

Jedenfalls dominiert diese "abendländische Idee" in der von den Stiftern des Karlspreises zu Weihnachten 1949 veröffentlichten Proklamation, die in verschiedenen Formulierungen immer wieder formelhaft verwendet wurde, zunächst symbolisch rückblickend auf das Karolingische Reich Karls des Großen als Sinnbild für ein europäisches Reich und für Einheitlichkeit in Regeln, Wertordnung, Sprache, Währung, Verwaltung, Religion und Kultur, aber auch programmatisch zukunftsweisend als Leitbild für die anstehende Aufgabe einer wirtschaftlichen und politischen Einigung Europas.

Die Forderung in der Proklamation, die wirtschaftliche Einigung solle Priorität genießen und sei als Vorstufe für den Zusammenschluss Westeuropas dringend erforderlich, gehörte schon lange zum europapolitischen Gedankengut Pfeiffers und dürfte insbesondere bei den Vertretern der Wirtschaft im Stifterkreis große Unterstützung gefunden haben.

Zu ihnen zählten der Präsident der Handelskammer und spätere Oberbürgermeister Hermann Heusch, der Generaldirektor der Vereinigten Glaswerke, Dr. Jean Louis Schrader und der Niederländer Carel Nieuwenhuysen, Direktor der Philipswerke.

Gerade durch die Beteiligung der beiden hochrangigen ausländischen Wirtschaftsvertreter wird das Ziel des Preises veranschaulicht, ungeachtet aller Nationalismen auf der Grundlage eines großen grenzen- und zollfreien Wirtschaftsraumes einen dauerhaften Frieden in Europa zu schaffen.

Dies belegt, dass der Karlspreis schon in der Entstehungsphase international angelegt war - sowohl in seiner Zielsetzung als auch in der Zusammensetzung seiner Gründungsmitglieder.

Es ist nicht verwunderlich, dass der Aachener Tuchfabrikant Erasmus Schlapp zum Kreis der Preisstifter zählte, denn er war der Vorsitzende der Europa-Union, die den Europäischen Einigungsgedanken vertrat.

Für seine Initiative konnte Pfeiffer auch die Unterstützung der Aachener Wissenschaft gewinnen, gleich drei Professoren, und zwar Rektor Dr. Wilhelm Müller, Dr. Franz Krauß und Dr. Mennicken unterzeichneten die Proklamation. Damit war das traditionelle Bildungsbürgertum der Stadt unter den zwölf Gründungsmitgliedern fast genauso stark vertreten wie der Kreis der Unternehmer.

Der von Kurt Pfeiffer angeregte Internationale Karlspreis der Stadt Aachen sollte auf drei verschiedenen Ebenen wirken:

1. auf Europaebene: Nicht nur die Deutschen, sondern auch die europäischen Nachbarn sollten durch den Symbolgehalt der jährlichen Preisverleihung für den westeuropäischen Integrationsprozess gewonnen werden. Der Karlspreis sollte gleichsam ein europäisches Forum und Instrument bilden, um fördernd oder aber auch mahnend den Stand der Einigungsbemühungen ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu bringen. Damit war und ist die Auszeichnung ein Symbol europäischen Einigungswillens und gleichzeitig ein Mittel, politische Botschaften zu übermitteln.

2. auf Bundesebene: Der Karlspreis wurde der erste politische Preis der noch jungen Bundesrepublik Deutschland - allerdings kein Staats-, sondern ein Stadtpreis. Im Vergleich zu der an Symbolen armen Weimarer Republik schuf diese Auszeichnung Identifikationsmöglichkeiten. Er sollte einen Beitrag leisten, um auch in Deutschland den Grundstein für ein europäisches Bewusstsein auf der Grundlage der Völkerverständigung zu legen.

Und damit komme ich zur 3. Wirkungsebene,

3. der städtischen Ebene: Die alte Kaiserstadt war aufgrund ihrer Grenzlage und ihrer europäischen Geschichte besonders gut geeignet, versöhnend und über alle Grenzen hinweg zu wirken. Darüber hinaus würde die Preisverleihung die Stadt in den Blickpunkt der Öffentlichkeit stellen und somit das Ansehen Aachens über seine Grenzen hinaus mehren.

Schon drei Monate nach der Proklamation wurde die "Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen" am 14. März 1950 gegründet, die alle mit der Preisverleihung verbundenen Aufgaben erledigen sollte. Der Preis sollte jährlich an eine Persönlichkeit vergeben werden, die sich um Europa verdient gemacht hatte. Der Karlspreis besteht aus einer Ehrenurkunde, einer Medaille und einer Dotation von 5.000 DM.

Mit welcher Energie die Stifter ans Werk gingen, zeigt, dass schon fünf Monate nach der Proklamation der Preis am Christi Himmelfahrtstag 1950 an Dr. Richard Graf Coudenhove-Kalergi, den Begründer der paneuropäischen Bewegung und Vorkämpfer der europäischen Einigungsidee, vergeben wurde.

Die erste Mitgliederliste der Karlspreisgesellschaft liest sich wie ein "who is who" Aachens. 100 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kirche, Hochschule und Stadtverwaltung fanden Aufnahme in den Verein.

Von besonderer Bedeutung für den Karlspreis ist das Direktorium der Karlspreisgesellschaft, das den Karlspreisträger auswählt und in seiner Grundstruktur auch heute noch praktisch dem Stifterkreis von 1949 entspricht. Das erste Direktorium der Karlspreisgesellschaft war identisch mit den Unterzeichnern der Proklamation von 1949, und als sein erster Sprecher fungierte Dr. Kurt Pfeiffer.

Der Festakt im Krönungssaal anlässlich der ersten Preisverleihung an Graf Coudehove-Kalergi hinterließ einen bleibenden Eindruck. Das Rathaus war erstmals nach dem Kriege Schauplatz einer bedeutenden städtischen und gleichzeitig europäischen Feierstunde.

Die Stadt war noch deutlich von den Kriegsspuren gezeichnet, die Festgäste konnten gar durch das löchrige Rathausdach direkt in den Himmel schauen. Wie später so oft war auch dieser Himmelfahrtstag ein sonniger Tag, Kaiserwetter halt und die festliche Zeremonie der Preisverleihung ähnelte - wie auch heute noch - einer Königskrönung.

Der Erfolg der ersten Karlspreisverleihung, das positive Presseecho im In- und Ausland spornten das Direktorium an, noch kühner am europäischen Einigungsprozess teilzunehmen. Die Preisverleihung an den italienischen Ministerpräsidenten Alcide de Gasperi im Jahre 1952 brachte den internationalen Durchbruch für diese Auszeichnung.

Die führenden Politiker der 50er Jahre Konrad Adenauer, Robert Schuman, Jean Monnet, Winston Churchill und viele mehr folgten dem Italiener und wurden in Aachen für Ihre Verdienste um die europäische Einigung geehrt. Damit erhielt die Auszeichnung politisches Gewicht und internationales Prestige. Karlspreisträger Paul Henri Spaak kommentierte die Reihe der Ausgezeichneten bei seiner Dankesrede im Krönungssaal im Jahre 1957 zurecht mit den Worten: "Es handelt sich hier um die berühmtesten Namen des politischen Nachkriegs-Europas."

Seit der Verleihung an de Gasperi entwickelte sich der Karlspreis immer mehr zu einer vornehmlich politischen Auszeichnung. Aus diesem Grund dominieren Politiker die lange Liste der Preisträger. Denn gewählte Staatsvertreter, Minister und Präsidenten stehen in der ersten Reihe derer, die sich um den europäischen Einigungsprozess bemühen und über die durch den Karlspreis politischer Einfluss ausgeübt werden kann.

Der Karlspreis hat sich rasch zur renommiertesten und begehrtesten Auszeichnung für besondere Verdienste um die europäische Einigung entwickelt. Durch die herausragende Bedeutung der Ausgezeichneten erwarb der Karlspreis im Laufe der Zeit ein besonderes politisches und moralisches Eigengewicht.

Im Jahre 1962 konnte der Karlspreis zum zweiten Mal in seiner Geschichte nicht verliehen werden, was bis heute zehnmal vorgekommen ist.

Die Preisverleihung im Jahr 1963 an Sir Edward Heath, der später britischer Premierminister werden sollte, markierte einen Wendepunkt in der Geschichte des Karlspreises, denn Heath kam aus einem beitrittswilligen Land. Wenige Tage nach dem Scheitern des britischen Beitrittsgesuch am französischen Veto sollte mit diesem mutigen Signal ein Zeichen für eine gemeinsame Zukunft gesetzt werden.

Mit Blick auf den Karlspreis bildete das Jahr 1968 eine Zäsur, denn der Initiator und "Vater" des Karlspreises Kurt Pfeiffer gab sein Sprecheramt im Karlspreis-Direktorium an Dr. Jean Louis Schrader ab, der zum Kreis der Unterzeichner der Proklamation von 1949 zählte. Für seine Verdienste erhielt Dr. Pfeiffer die Ehrenbürgerschaft der Stadt Aachen. Die Ziele seines Lebenswerkes charakterisierte er wie folgt:

"Der Karlspreis wirkt in die Zukunft, er birgt gleichsam eine Verpflichtung in sich, aber eine Verpflichtung von höchstem ethischem Gehalt. Sie zielt auf den nicht erzwungenen, freiwilligen Zusammenschluss der europäischen Völker, um in neu gewonnener Stärke die höchsten irdischen Güter - Freiheit, Menschlichkeit und Frieden - zu verteidigen und die Zukunft der Kinder und Enkel zu sichern."

Diese Botschaft "Völkerverständigung" ist seither von Sprecher zu Sprecher weitergegeben worden und bildet das entscheidende Kriterium im Direktorium für die Auswahl eines Preisträgers.

Inhaltlich führte Schrader die Arbeit des Initiators des Karlspreises fort, der bis zu seinem Tod im Jahre 1987 im Direktorium mitwirkte. Neben dieser Kontinuitätslinie gab es noch eine weitere, nämlich den Oberbürgermeister Hermann Heusch, der mehr als zwanzig Jahre dem Direktorium angehörte. Als erster Bürger der Stadt war er der Hausherr im Rathaus, in dem er jährlich im Rahmen eines Festaktes die Auszeichnung übergab.

In den siebziger und achtziger Jahren gingen wichtige Signale mit der Preisverleihung an Vertreter der jungen Demokratien in Griechenland und Spanien, um die demokratischen Kräfte zu stärken und die Staaten an die Europäische Gemeinschaft heranzuführen. 1981 wurde mit Simone Veil die erste Frau und erste Präsidentin des von den Bürgern Europas gewählten Europäischen Parlaments ausgezeichnet.

Mit Juan Carlos I. König von Spanien wurde 1982 zum ersten Mal ein gekröntes Haupt ausgezeichnet. Den Vorschlag für die Auszeichnung von Juan Carlos I. hatte der neue Sprecher, Konsul Hugo Cadenbach, dem Direktorium unterbreitet, was Kurt Pfeiffer zu der Bemerkung veranlasste: "Jetzt haben wir Sie gerade zum Sprecher gewählt und nun kommen Sie gleich mit Königen!" Der scherzhafte Kommentar des väterlichen Freundes war als Unterstützung gemeint, denn der Vorschlag erhielt die ungeteilte Zustimmung aller Juroren.

Die Wahl zum Sprecher des Karlspreis-Direktoriums nach dem unerwarteten Ableben von Jean Louis Schrader im Jahre 1980 kam für Hugo Cadenbach überraschend. Doch wuchs er schnell in seine neue Rolle hinein, zumal er in Oberbürgermeister Kurt Malangré große Unterstützung fand.

Sprecher und Oberbürgermeister verstanden sich in ihrer Zusammenarbeit gut - eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Arbeit im Karlspreis-Direktorium. Diese unverzichtbare Tradition hat sich fortgesetzt, als Dr. Jürgen Linden 1989 Oberbürgermeister der Stadt Aachen wurde.

Am 30. Januar 1987 verstarb der Initiator des Karlspreises Dr. Kurt Pfeiffer, der bis zum Ende seines Lebens regen Anteil an der Entwicklung des Karlspreises nahm und sämtliche Texte für Urkunde und Medaille entworfen hatte.

Sein letzter Kandidatenvorschlag, der ehemalige amerikanische Außenminister und Friedensnobelpreisträger Henry Kissinger, war für den Sprecher des Direktoriums Vermächtnis und Auftrag zugleich. Pfeiffer wollte die Bedeutung der transatlantischen Beziehungen bekräftigen, trug die Atlantische Gemeinschaft doch entscheidend zum Schutz der westeuropäischen Staaten bei.

Der Streit um diese Nominierung gab den Anstoß für eine kritische Auseinandersetzung mit den Zielen des Karlspreises. Die Karlspreisgesellschaft nahm dies zum Anlass, durch eine Namensänderung des Preises in "Internationaler Karlspreis zu Aachen" den Charakter dieser Auszeichnung als Aachener Bürgerpreis zu unterstreichen.

Danach waren es die Umbrüche in Osteuropa und die Ereignisse im Jahre 1989 mit der deutschen Wiedervereinigung, die den Anlass zu einer Neubesinnung des Preises gaben, die in Form einer Erklärung die Proklamation von 1949 ergänzte und aktualisierte.

Die gemeinsame Erklärung vom Rat der Stadt Aachen und der Karlspreisgesellschaft vom 14. November 1990 rief, auf die historische Bedeutung des Jahres 1989 hinweisend, zu einem "umfassenden Zusammenschluss" der europäischen Staaten auf. Aufgenommen wurde auch, dass es wichtig ist, durch den Schutz der Umwelt die Lebensgrundlagen auf der Erde zu erhalten und für unsere Kinder zu bewahren. Ebenso räumt sie Europa im Verhältnis zur so genannten "Dritten Welt" und beim angestrebten Ausgleich des Nord-Süd-Gegensatzes eine besondere Rolle ein. Das sind alles wichtige neue Herausforderungen, die sich im Jahre 1949 noch nicht stellten, aber 40 Jahre später zum Selbstverständnis der politisch handelnden Menschen zählten.

Die Auszeichnungen der 90er Jahre stehen ganz im Zeichen des "umfassenden Zusammenschlusses" Europas; so erhielten insbesondere Politiker aus Ost- und Nordeuropa den Karlspreis. Diese verkörperten allesamt Hoffnungsträger, da ihre Herkunftsländer noch nicht zur Europäischen Union gehören. Die Ehrungen sollten ein positives Signal setzen und die jeweiligen Preisträger ermutigen, ihr Land in die Europäische Gemeinschaft zu führen. Gleichzeitig sollte die mit dem Karlspreis verbundene internationale Reputation die innenpolitische Stellung der Ausgezeichneten und das Ansehen ihrer Länder stärken.

Der Karlspreis spiegelt die kleinen Schritte und die Etappen des europäischen Einigungsprozesses in seinen Preisträgern wider. Darunter sind die Architekten der Integration genauso zu finden wie deren Hoffnungsträger und diejenigen, die sich um die europäische Einheit verdient gemacht haben. In ihnen allen drücken sich Geist, Vision und Auftrag des Karlspreises aus.

Wir - das Karlspreis-Direktorium und die Gesellschaft - fühlen uns verpflichtet, die von Kurt Pfeiffer vor nunmehr 50 Jahren begonnene Arbeit fortzuführen; zu Völkerverständigung und europäischer Integration gibt es, auch um Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa zu schaffen und zu sichern, keine Alternative.

Vielleicht kann Ihnen einer meiner Nachfolger als Sprecher des Karlspreis-Direktoriums hier an gleicher Stelle in 50 Jahren rückblickend mitteilen, dass das Ziel vollständig erreicht worden ist. Mit Freude und einem gewissen Stolz können wir auf die bisher erreichten und im Jahre 1949 sicherlich nicht einmal erhofften Integrationsfortschritte verweisen. Wenn hierzu der Karlspreis - sicherlich nur in bescheidener Weise - einen Beitrag geleistet hat, sind wir zufrieden.

Mit Blick auf das in Kürze beginnende 21. Jahrhundert sind wir uns bewusst, dass ein großer Teil der Wegstrecke noch zurückgelegt werden muss.

Wir hoffen, dass die vor zwei Jahren von Oberbürgermeister Dr. Linden und Herrn Konsul Cadenbach ins Leben gerufene Stiftung Internationaler Karlspreis zu Aachen, in der insbesondere europäische Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und dem Medien- und Wissenschaftsbereich vertreten sind, die Bedeutung des Karlspreises für Europa weiter stärken wird. Sie, die Karlspreisstiftung, wird in Aachen eine Plattform für die europäische und europapolitische Diskussion schaffen und durch ihre Veranstaltungen dazu beitragen, dass die Bürger und jungen Menschen für Europa interessiert und gewonnen werden können.

Für die tatkräftige Unterstützung der Mitglieder der Karlspreisgesellschaft, der Karlspreisstiftung und aller Freunde des Karlspreises möchte ich mich herzlich bedanken und gleichzeitig dazu aufrufen, auch weiterhin an der freiwilligen Verständigung der Völker Europas mitzuwirken.