Internationaler Karlspreis zu Aachen

Zur Entstehungsgeschichte des Preises -
die Proklamation von 1949

Als Grenzstadt erlebte Aachen die Schrecken des Zweiten Weltkrieges wie wenige andere Orte in Deutschland. Wochenlang war die Stadt Kriegsschauplatz, die Bevölkerung wurde zwangsevakuiert. Die noch verbliebenen Habseligkeiten in den verlassenen, ausgebombten Häusern nahmen Plünderer mit sich. Als die Stadt 1944 von den alliierten Streitkräften befreit wurde, hofften viele der noch verbliebenen Einwohner auf eine Besserung der Zustände. Doch zunächst einmal nahm die materielle Not zu, und angesichts des Zusammenbruchs der NS-Volksgemeinschaft herrschte Orientierungslosigkeit vor. So waren es häufig jene, die im aktiven oder passiven Widerstand überlebt hatten oder durch ihre Nähe zur Kirche moralische Legitimität einklagen konnten, die politisch aktiv wurden.

Ein kleiner Kreis der bürgerlichen Elite Aachens – unter ihnen der Aachener Kaufmann Dr. Kurt Pfeiffer, Initiator des Karlspreises – teilte die Wissensbegierde großer Teile der Bevölkerung nach den Jahren geistiger Manipulation und Indoktrination. 1946 gründete diese Gruppe den Lesekreis „Corona Legentium Aquensis“. Mit Unterstützung Pfeiffers führte man Ausstellungen und Vortragsreihen mit Politikern, Wissenschaftlern und Kulturschaffenden aus ganz Europa durch. Zu den Referenten zählten etwa der Philosoph Martin Heidegger, der Nobelpreisträger der Physik Werner Heisenberg, der Schriftsteller Werner Bergengruen und der spätere erste Karlspreisträger Richard Graf Coudenhove-Kalergi. Die Diskussionen in diesem Lesekreis stellten Dr. Pfeiffer vor die Frage, ob es ausreichte, neue Gedanken und Ideen in kleinen Zirkeln zu diskutieren oder ob es angebracht sei, das als bedrohlich empfundene Zeitgeschehen in Europa auch öffentlichkeitswirksam zu beeinflussen.

Ende der 40er Jahren hatten sich die ehemaligen Kriegsverbündeten – Großbritannien, Frankreich, die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) – heillos über die zukünftige Entwicklung Europas zerstritten. Zwar bestand unter ihnen Einvernehmen darüber, daß von Deutschland keine Kriegsgefahr mehr ausgehen dürfe, aber ihre Bemühungen scheiterten, eine für alle Seiten befriedigende Friedensordnung in Europa zu schaffen. Die daraus resultierende Blockbildung auf dem alten Kontinent, der Ost-West-Konflikt, teilte Deutschland und damit Europa in eine östliche, von der UdSSR kontrollierte, und in eine im Interessenbereich der USA liegende westliche Einfluß-sphäre.

In den Jahren 1947 bis 1949 gab es mehrere Versuche, die westeuropäischen Staaten wirtschaftlich, politisch und militärisch zu einigen. Dazu zählten Organisationen zwischenstaatlicher Natur, wie beispielsweise im Jahre 1948 die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC) oder aber ein Jahr später der Europarat. Militärischen Charakter besaßen freilich der 1948 gegründete Brüsseler Pakt und der im Jahre 1949 eingerichtete Nordatlantik-Pakt (NATO). Jedoch scheiterten alle Versuche, über das traditionelle zwischenstaatliche Modell der Zusammenarbeit hinauszugehen. Die westeuropäischen Integrationsbemühungen gerieten in eine tiefe Krise, als die Briten im September 1948 ihre Verhandlungen mit der französischen Regierung über eine gemeinsame Zollunion aufgaben und im November 1949 den Ausbau des Europarats zu einer europäischen Konstituante stoppten. Die daraufhin erfolgte amerikanische Aufforderung an den französischen Außenminister Robert Schuman, die Führung bei der Integration Westdeutschlands in ein supranationales Europa zu übernehmen, blieb lange Zeit von Paris unbeantwortet. Zudem schürten die voranschreitende Blockbildung und die Vehemenz des Kalten Krieges die Angst vor einer militärischen Auseinandersetzung, die auch die Zukunft der erst im Mai 1949 geschaffenen Bundesrepublik Deutschland unsicher erscheinen ließ.

In dieser kritischen Phase der europäischen Einigungsbemühungen wurde die Notwendigkeit neuer europapolitischer Aktivitäten offenkundig. Der Aachener Bürger Dr. Kurt Pfeiffer ergriff die Initiative und stellte am 19. Dezember 1949 der Öffentlichkeit seinen Plan für eine europäische Auszeichnung vor (Vortrag von Dr. Kurt Pfeiffer). In einer Rede vor dem Lesekreis „Corona Legentium Aquensis“ im Aachener Suermondt Museum regte er an, einen „Aachener Preis“ für Verdienste um die westeuropäische Verständigung, um den Weltfrieden und die Humanität zu stiften. Sein Anliegen begründete Dr. Pfeiffer mit der weltpolitischen Lage: Nach seiner Auffassung gefährdete der sowjetische Machtzuwachs in Europa die westliche Kultur. Gleichzeitig verwies er auf mangelnde Fortschritte bei der Gestaltung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit unter den westeuropäischen Staaten, die er als Grundlage jeglichen Integrationsprozesses ansah. Dr. Pfeiffers Bemühen war, Einfluß auf das politische Geschehen in Europa zu gewinnen, um bei der friedlichen Gestaltung der Zukunft mitzuwirken. Dies führte ihn zur Idee, den Karlspreis zu stiften.

Mit dieser Rede ging Dr. Kurt Pfeiffer als der Initiator des Internationalen Karlspreises - eines Bürgerpreises - in die Geschichte der Stadt Aachen ein. Sein Anstoß fand einen positiven Widerhall, sowohl in der Presse als auch bei wichtigen Aachenern Persönlichkeiten. Innerhalb weniger Tage gelang es ihm, führende Aachener Bürger aus der Stadtverwaltung, der Technischen Hochschule, der katholischen Kirche, der städtischen Politik und der Wirtschaft zusammenzubringen. Hervorzuheben ist, daß der Karlspreis schon in seiner Entstehungsphase international angelegt war, denn zum Stifterkreis zählten auch der Luxemburger Dr. Jean Louis Schrader und der Niederländer Carel Nieuwenhuysen. Damit verfügte die Initiative über einen soliden Rückhalt. Zwölf Gründungsmitglieder unterzeichneten wenig später die sogenannte Proklamation von Weihnachten 1949. Sie gilt bis heute - gemeinsam mit der Erklärung von 1990 - als das geistige Fundament des Karlspreises.

In dem Preis sahen Oberbürgermeister, Oberstadtdirektor, Bischof und Rektor der Rheinisch- Westfälischen Technischen Hochschule die Möglichkeit, an die europäische Vergangenheit der Stadt anzuknüpfen. Sie hofften, den Blick der europapolitisch Interessierten wieder auf Aachen zu lenken und damit den Namen der Kaiserstadt über die eigenen Grenzen hinaus verstärkt bekannt zu machen.