Laudatio von Richard Nikolaus Graf Coudehove-Kalergi

Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen an Konrad Adenauer am 27. Mai 1954

Hier und heute schlägt die Kaiserstadt Aachen eine Brücke über elf Jahrhunderte vom Europäischen Kaiser Karl dem Großen zum Europäischen Staatsmann Konrad Adenauer.

Beide vertreten einen gemeinsamen Gedanken: Die Einigung Europas um die Rheinachse, durch die deutsch-französische Versöhnung.

Nach der Besiegung und Bekehrung der heidnischen Sachsen war es Karls Königsgedanke, das germanische und das romanische Europa zusammenzuschließen unter einer gemeinsamen Krone. Dieser Gedanke fand seinen Ausdruck in Karls politischem Testament, das sein Reich unter seine drei Söhne aufteilen sollte. Für seinen zweiten Sohn, Pippin, hatte er Italien bestimmt; für den dritten, Ludwig, Aquitanien. Aber das Kernstück seines Reiches, zwischen Elbe, Alpen und Loire, sollte sein ältester Sohn Karlmann erben, zusammen mit der europäischen Kaiserkrone.

Dieser Plan eines deutsch-französischen Reiches als Kernstück Europas scheiterte am vorzeitigen Tod Karlmanns und Pippins.

Er wurde leider von seinen Enkeln fallengelassen, die Deutschland und Frankreich als getrennte Königreiche begründeten und damit den Keim legten zur Zersplitterung Europas.

Dennoch ist es eine offenkundige Geschichtsfälschung, die europäische Entwicklung aus einer angeblich tausendjährigen Erbfeindschaft zwischen Deutschen und Franzosen deuten zu wollen.

Während des ganzen Mittelalters lebten Deutsche und Franzosen in relativem Frieden, während zwei große nationale Kriege im Westen und im Süden tobten: Englands vergeblicher Versuch, Frankreich zu erobern und Deutschlands vergeblicher Versuch, Italien zu unterwerfen.

Erst in der Neuzeit entwickelte sich ein deutsch-französischer Gegensatz aus der Rivalität zwischen den Häusern Habsburg und Bourbon. Frankreich, von den Habsburgern im Westen und Osten eingekreist, suchte Verbündete in Deutschland. So kam es, daß in all diesen Kriegen Deutschland niemals geschlossen gegen Frankreich stand, sondern daß das deutsche Volk gespalten war in diesen dynastischen Kämpfen zwischen Habsburg und Bourbon.

Zweimal wäre es fast zum deutsch-französischen Zusammenschluß gekommen, als die französischen Könige Franz I. und Ludwig XIV. um die deutsche Kaiserkrone warben.

Und noch in den napoleonischen Kriegen handelte es sich nicht um Kämpfe zwischen Deutschen und Franzosen - da ein großer Teil der Deutschen mit Napoleon verbündet war. Erst 1813 stand das deutsche Volk geschlossen gegen die französische Invasion. Erst von diesem Augenblick an kann von einem nationalen Gegensatz gesprochen werden zwischen Deutschland und Frankreich. Ein Gegensatz, der dann in drei blutigen deutsch-französischen Kriegen seinen Höhepunkt fand.

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches setzte sich in Deutschland und Frankreich die Erkenntnis durch, daß dieser deutsch-französische Gegensatz zum nationalen Doppelselbstmord führt.

Es war Frankreich, das Frankreich Georges Bidault's und Robert Schuman's, das in diesem historischen Augenblick Deutschland die Hand zur Versöhnung bot und zum gemeinsamen Aufbau eines einigen Europas.

Dennoch wäre diese hochherzige und großzügige Initiative Frankreichs gescheitert, wenn nicht ein großer Europäer deutscher Bundeskanzler geworden wäre. Ein Mann, der der Versuchung widerstand, Schaukelpolitik zu treiben zwischen Ost und West, sondern der mit starker Hand und ehrlichem Willen zugleich deutsche Politik trieb und europäische: Konrad Adenauer.

Im Zeichen des europäischen Zusammenschlusses und der deutsch-französischen Versöhnung hat dieser Mann sein zusammengebrochenes Vaterland zu neuem Ansehen emporgehoben, zu neuem Wohlstand, zu neuer Weltgeltung.

Kein Mensch hätte, vor neun Jahren, dieses Wunder für möglich gehalten. Dieses Deutsche Wunder, das für immer verbunden bleibt mit dem Namen Adenauer, ist nur vergleichbar mit der Leistung Thrasybouls für Athen und Talleyrands für Frankreich.

Nach den dreißigjährigen Verwüstungen des Pelloponnesischen Krieges mußte Athen vor dem siegreichen Sparta kapitulieren. Besetzt von feindlichen Truppen schien Athens Macht und Wohlstand für immer gebrochen.

In diesem tragischen Augenblick erschien Thrasyboulos, ein Mann von großer Tapferkeit und reinster Gesinnung. Er stürzte die 30 Tyrannen Athens, befreite Athen ohne Krieg von den Folgen der Niederlage und gab seiner Vaterstadt ohne Krieg die Freiheit zurück und ihren alten Glanz.

In gleicher Weise war es Talleyrand, der nach dem Zusammenbruch des napoleonischen Kaiserreiches Frankreichs Großmachtstellung rettete und zugleich den Frieden Europas.

Der große italienische Historiker Guglielmo Ferrero schildert in seinem Meisterwerk ?Der Wiederaufbau Europas? diese staatsmännische Leistung. Er stellt das konstruktive Genie Talleyrands über das destruktive Genie Napoleons.

Deutschland war nach dem zweiten Weltkriege tiefer gefallen als Athen nach dem pelloponnesischen und Frankreich nach dem napoleonischen Krieg. Adenauers Werk ist darum größer als das Thrasybouls und Talleyrands. Nur fehlt uns die Distanz zu dieser historischen Leistung.

Wir sollten aber nicht erst warten, bis jede deutsche Stadt ihren Adenauer-Platz hat, um dem Manne unseren Dank auszusprechen, dessen weise und mutige Politik Europa davor bewahrt hat, daß der Koreakrieg zu einem dritten Weltkrieg wurde. Und der auch jenseits der deutschen Grenzen als ein Baumeister des neuen Europas geehrt und gefeiert wird.

Der Kaiserstadt Aachen mit ihrer großartigen europäischen Tradition ehrt sich selbst, wenn sie heute den Karlspreis für die Vereinigten Staaten von Europa dem Deutschen verleiht, der ihn am meisten verdient: dem großen deutschen Bundeskanzler und dem großen europäischen Menschen - Konrad Adenauer.