Rede von Michel Camdessus

„Vielmehr habe ich euch Freunde genannt.“
 
Lassen Sie mich zum Ausdruck bringen, als welche Ehre ich es empfinde, vor Ihnen die Laudatio auf Andrea Riccardi zu halten. Vor allem, wenn ich das so sagen darf, es ist eine große Freude für mich. Denn es gibt seltene Augenblicke in unserem Leben, an denen wir stehen bleiben sollen, um einfach dem Himmel für Geschenke zu danken, das wir erhalten haben. Dieses Geschenk ist für mich die Freundschaft zu Andrea Riccardi und zur Gemeinschaft Sant’Egidio. Diese Freundschaft ist der einzige Titel, der mich berechtigt, Sie für Ihre Wahl zu beglückwünschen und vor Ihnen zu sprechen. Ja, ich bin nur einer von ihren Freunden, doch das zu sagen bedeutet im Denken von Sant’Egidio die höchste Würde zu beanspruchen, denn nichts ist ihnen wichtiger als diejenigen, die sie „ihre Freunde“ nennen, und die sie alle mit derselben Herzlichkeit, der selben Achtung, der selben Wertschätzung aufnehmen, seien sie Obdachlose auf den Straßen von Barcelona, AIDS-Kranke in Mosambik, Kardinäle, Würdenträger oder Staatsoberhäupter.
 
Ja, ich habe wie wohl viele unter Ihnen das Glück, einer ihrer Freunde zu sein und nur als solcher werde ich hier sprechen. Allerdings zögere ich ein wenig dabei, denn Andrea Riccardi ist es viel lieber, dass man von seiner Gemeinschaft spricht als von ihm selbst. Da nun aber ihm der Preis verliehen wird, werde ich zunächst einige Worte über den „Professore“ sagen, denn seine wissenschaftliche Laufbahn, seine unvergleichliche Vertrautheit mit der Geschichte des weltlichen und des geistlichen Roms, sowie der ideologischen und kulturellen Umwälzungen der Welt von heute haben den Einsatz dieses großen Europäers, den Sie heute ehren, tiefgreifend geprägt. Ich werde also ein Wort zu ihm sagen, bevor ich eingestehen muss, dass es unmöglich ist, zwischen seinem persönlichen Beitrag und dem der Gemeinschaft Sant’Egidio zur Geschichte der letzten drei Jahrzehnte zu unterscheiden.
 
Das geschichtswissenschaftliche Werk von Professor Riccardi ist beträchtlich. Er lehrt an den Universitäten von Sapienza und Rom III und veröffentlicht daneben zahllose Bücher und Artikel, die oft in mehrere Sprachen übersetzt werden. Der rote Faden, der sein Forschen und Nachdenken über die Geschichte durchzieht, verknüpft sich sehr fruchtbar mit seinem Nachdenken über die Entwicklung der internationalen Beziehungen. Außerdem verbindet er sich mit den Prioritäten, die ein Engagement im Namen des Christentums setzt und das an den vordersten Frontlinien der heutigen Welt verläuft. Diese Arbeit des Historikers und des Intellektuellen ist auch die des römischen Bürgers. Er beruft sich auf dieses Privileg mit Paulus „Civis romanus sum…“, doch er erfasst auch vollkommen die ganz einzigartige und universelle Verantwortung, die dieser Stadt und ihren Bewohnern in der Menschheitsfamilie zukommt.
 
Die Geschichte ist für ihn die Lehrerin der Weisheit. Sein Freund, Pater Congar, sagte ihm, dass man ohne Geschichte „Analphabet“ bleibt, „unfähig die Gegenwart zu lesen“. Unaufhörlich ergründet er, wie die katholische Kirche den Tragödien des 20. Jahrhunderts gegenübertritt. Er widmet sich dieser Frage frei von allen Ideologien mit einem wachen Bewusstsein für die kulturelle Dimension der Ereignisse. Kein Forscher hat sich zum Beispiel so sehr mit dem tiefen und tragischem Blick von Pius XII, dem umstrittensten Papst der Moderne, auseinandergesetzt.
 
Seine Forschungen lassen ihn die Bedeutung des Politischen und seine Grenzen erkennen. „Nicht alles ist politisch“, sagt er weise. Er lotet das Gefühl für die Komplexität der Menschen und der Situationen aus, diese Gewissheit, dass im Menschen immer etwas Menschliches verbleibt. Diese Gewissheit leitet auch, wie wir sehen werden, die kühnsten Unternehmungen der Gemeinschaft. Aus diesen Erfahrungen, den unablässigen Dialogen, die von einer tiefen Sympathie für alles geprägt sind, was den Weg zueinander sucht, nähren sich auch seine Werke, die allesamt Manifeste der Hoffnung sind. Ich denke an „Der Präventivfrieden“ und „Die Kunst des Zusammenlebens“, um nur die Jüngsten zu zitieren. Ihm geht es darum, im Verstehen der Welt immer weiter vorzudringen um zu ihrer Veränderung beizutragen, nicht etwa darum, sich zum Anführer einer bestimmten Denkrichtung zu machen.
 
Wir werden die Spur dieser Arbeit eines großen Intellektuellen im Leben der Gemeinschaft Sant’Egidio wieder finden. Kommen wir also zu deren so einzigartigen Merkmalen, und zur Entwicklung ihrer Berufung in den vergangenen vier Jahrzehnten. Ich erkenne darin drei Charismen und drei Aufträge.
 
I. Drei Charismen 
 
Man muss den etwas gekünstelten Worten misstrauen, wenn man von Andrea Riccardi und der Gemeinschaft spricht. Ich spräche also besser von drei Merkmalen, die sofort ins Auge springen. Diese Merkmale sind drei Gaben.

Beginnen wir mit der letzteren. Viele Männer und Frauen unserer Zeit sind im Gnadenjahr 1968 18 Jahre alt geworden. Ein Alter, in dem man voller Träume und voller Einsatz ist. Ein Glück und eine Herausforderung wie nie zuvor! Sie wurden sehr gefeiert. In Nanterre, meiner Heimat, waren es spontane Protestierer, die „verboten zu verbieten“. Sie rissen die Pflastersteine des Boulevard Saint-Michel heraus, um darunter den Strand zu finden. Überall träumten sie davon, die Welt zu verändern. Und die Welt hat sich verändert, aber nicht so, wie sie sich das erträumt hatten. Auch sie haben sich verändert, und oft haben sie auch die Seiten gewechselt. Das Alter hat sie gezeichnet. Nicht aber unsere Freunde von Sant’Egidio.
 
Andrea und seine Freunde waren 1968 18 Jahre alt. Ihre Schläfen sind ergraut, aber sie sind nicht lau geworden. Sie halten ihren Traum wach, die Welt geschwisterlicher zu machen, und sie verwirklichen ihn. „Sie lassen ihre Träume Wirklichkeit werden“. So bewahren sie sich ihre Jugend. Eine ewige Jugend könnte man sagen, oder vielmehr eine andauernde und nachhaltige Jugend, um den heutigen Sprachgebrauch zu verwenden, und das ist eines ihrer Geheimnisse.
 
Von der Jugend haben sie die besten Gaben: eine Freiheit, eine Reinheit und Klarheit des Blicks auf die Welt und die Menschen. Außerdem eine täglich neue Bereitschaft zu einem Einsatz ohne Umkehr und ohne Entlohnung, eine furchtlose Kühnheit, ein Leben das ganz von dem getragen ist, was Charles Péguy, das „kleine Mädchen Hoffnung“ nannte. Sie wird die kleinste der drei großen christlichen Tugenden genannt, die aber, wenn sie in allen Wirrnissen der Welt gelebt wird, „Gott verblüfft“. Es ist eine Tugend, von der ein anderer Schriftsteller aus meinem Land, der Sant’Egidio wohlbekannte George Bernanos, sagte, dass nur die Armen und ihre Freunde ihr Geheimnis besitzen.
 
Weil sie in all ihren Unternehmungen diese Jugend bewahrt, ist die Gemeinschaft ernsthaft wie es nur Kinder sein können, aber sie nimmt sich niemals wichtig; sie bleibt nie bei der Bitterkeit der Niederlagen, oder beim Strahlenkranz der Erfolge stehen.
 
Andrea Riccardi und die Gemeinschaft Sant’Egidio haben diese Selbstlosigkeit der wahren Jugend. Sie hören alle Appelle, bewahren sie im Herzen und schreiten mit voller Überzeugung voran. Nie kümmern sie sich um Berühmtheit, Streben nach Einfluss oder Macht. Sie wissen, dass sie zum Dienen da sind. Das ist alles. Ich kenne keine Institution, die so gut ihre Spuren verwischt, der die institutionellen Eitelkeiten so fremd sind, und von der alle Partner wissen, dass sie nie Macht oder Dankbarkeit einfordern wird. Jeder weiß, dass man hier auch seinem Feind begegnen kann –so schwer auch Misstrauen und Groll sein mögen – und dass man für diese Begegnung schlicht begleitet und bedient wird, nicht zu sehr, aber so sehr wie es nötig ist.
 
Dies ist die Jugend des Geistes und der Herzen, die hervorsprudelt, die wie am ersten Tag bereit ist für alle Einsätze und für alle Berufungen des Geistes.
 
Diese Jugend hat ihren Jungbrunnen in der Hoffnung und sie ist nichts als das Gesicht dieser Hoffnung, doch getragen wird sie von jener anderen Gabe, vom Glauben: Es ist ein Glauben, der im Hören auf das Wort und im Gebet gelebt wird. Darin liegt ganz offensichtlich das Wesentliche, hier berühren wir das Heilige ihres Lebens. Ich stieß letzte Woche auf dieses Wort eines ihrer großen Freunde, des orthodoxen Theologen Olivier Clément, der eines der Geheimnisse von Sant’Egidio verrät: „Das Gebet ist diese sich unterscheidende Dimension, in deren Abwesenheit unser Handeln zur Aufgeregtheit und das Christentum zu einer Ideologie verkäme…“ Durch das Gebet verändern sie die Welt, beinahe ohne sie anzurühren, indem sie einfach den Armen ihre Zärtlichkeit und den Menschen ihre Freundschaft schenken. Dieses Gebet trägt weit. Olivier Clément fügte hinzu: „Die Menschen des Gebets sind die wahren Gestalter der Geschichte.“
 
Sie leben ihren Glauben in Wahrheit, das heißt, im Licht des Evangeliums, zu den anderen hingewandt, in der Begegnung mit den Armen, in einer dritten Gabe, der Freundschaft. Die Gabe des Glaubens und die Gabe der Freundschaft. Diese Freundschaft, die mit Vorliebe den Armen gilt, leben sie mit demselben Elan, in demselben Geist. Natürlich müsste man nun von der Barmherzigkeit sprechen, der herausragenden christlichen Tugend, die Paulus im 13. Kapitel seines Briefes an die Korinther besingt, doch diese hat bei Sant’Egidio die besondere Ausprägung der Freundschaft. In ihrer Begegnung mit den Armen findet sich keinerlei Bevormundung oder Herablassung, sondern Achtung, Aufmerksamkeit und  Offenheit für einen stets einmaligen Austausch, für eine geschwisterliche Freundschaft.
 
Jugend oder vielmehr Hoffnung, Glaube und geschenkte Freundschaft: Ihnen ist sicher nicht entgangen, dass diese drei Gaben im 13. Jahrhundert in Umbrien, wo die Familie Andrea Riccardis ihre Wurzeln hat, die Gaben einer anderen Gruppe junger Leute um einen gewissen Franz von Assisi waren. Nun, am Beginn dieses dritten Jahrtausends, zeigen sich diese franziskanischen Züge den Augen und dem Herzen eines jeden, der Sant’Egidio begegnet. Diese Gemeinschaft, die nun 50.000 Mitglieder auf der ganzen Welt versammelt (sie ist auf fünf Kontinenten und in mehr als 70 Ländern anwesend) lebt diese Gaben in der dreifachen Berufung zum Frieden, die sie sich allmählich gegeben hat.
 
II. Drei Berufungen zum Frieden
 
Denn Andrea Riccardi und die Gemeinschaft Sant’Egidio nehmen das Leitmotiv des Auferstandenen beim Wort: „Der Friede sei mit euch allen“. Sie deklinieren es in der Freundschaft mit den Armen, in ihrem Beitrag zur Lösung von Konflikten und in der Unterstützung des interreligiösen Dialogs. Auf jedem dieser Gebiet wirkt der Einsatz für den Frieden Wunder, und verdeutlicht so in wunderbarer Weise die Worte Hannah Arendts, für die es „zu den Fähigkeiten des Menschen gehört, Wunder zu wirken“ und so vorherbestimmt Scheinendes zu durchbrechen.
 
Der Kampf gegen die Armut war der erste, der sich ihnen aufdrängte. Er bildet immer noch das Zentrum ihres Lebens, denn sie denken wie Gandhi, dass „die Armut die schlimmste aller Gewalttaten ist, die dem Menschen angetan wird“. Die jungen Leute, die sie 1968 waren, entdeckten das Rom Fellinis und Pasolinis, das der Stadtrandviertel und der Slums, des „gewalttätigen Lebens“. Sie nahmen sich der Kinder an, die nicht zur Schule gingen und unterrichteten sie… Sie begannen auch, andere Gemeinschaften in den Vorstädten aufzubauen; diese bestanden vor allem aus Frauen, die am meisten von der Ausgrenzung gezeichnet wurden, aus Arbeitern, aus Jugendlichen ohne Arbeit… So fing alles an.
 
Im Laufe der Jahre hat sich das Gesicht der Armut gewandelt: Die vereinsamten alten Leute sind geblieben, doch hinzugekommen sind die Drogenabhängigen, die AIDS-Kranken, die Ausgegrenzten, die Einwanderer jeder Herkunft.
Das außergewöhnliche DREAM-Projekt ist das erste Wunder, von dem ich sprechen werde (DREAM wie der Traum, es bedeutet aber tatsächlich Drug Resource Enhancement against AIDS and Malnutrition). Es zeigt sehr klar, wie weit dieser Einsatz für die Armen reicht. Mit ihrem Einsatz für den Frieden in Mosambik war der Gemeinschaft das Land sehr vertraut geworden. Sie entdeckte, dass dort täglich 600 Personen neu mit dem AIDS-Virus infiziert wurden. In diesem Moment am Anfang der 90er Jahre, verharrte die internationale Gemeinschaft in einer Strategie, die sich auf die bloße Prävention beschränkte und behauptete, die sehr hohen Kosten für die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten nicht aufbringen zu können. Dies war für Sant’Egidio eine inakzeptable Situation, denn diese Kranken sind für sie Freunde. Wie könnte man sich damit abfinden, ihnen nicht die Behandlung zuteil werden zu lassen, die in den entwickelten Ländern den Kranken das Überleben sichert und die Übertragung der Krankheit von der Mutter auf das Kind verhindert? Sie beginnen also mit Nachdruck ein Programm zur Ausbildung von Krankenschwestern und medizinischen Mitarbeitern, eröffnen molekularbiologische Labors nach neuestem Standard und setzen Himmel und Erde in Bewegung um die Finanzierung zum Kauf der notwendigen Generika-Medikamente zu erhalten. Das Programm ist nun ein großer Erfolg. Die Behandlungen werden angeboten, die Kranken werden begleitet, die Übertragung der Krankheit auf die Kinder wird verhindert. Ich kann nicht von all den anderen Initiativen zur Hilfe für die Armen und die Ausgeschlossenen sprechen, die Suppenküchen, die Wohngemeinschaften und alle anderen Projekte zur humanitären Hilfe und zur Entwicklungszusammenarbeit in den armen Ländern der Welt. Besuchen Sie, wenn Sie die Gelegenheit dazu haben, eine von ihren Gemeinschaften an einem Weihnachtsabend: Sie werden zusammen mit Männern und Frauen zu Abend essen, deren Anblick auf der Straße oft schwer zu ertragen ist, aber die hier als Freunde Aufnahme finden.
 
Der Kontakt mit den Armen führt notwendig dazu, dass der Blick sich allmählich auf die weltweiten Ausmaße der Armut weitet: Sie entdecken, dass der Krieg die Mutter aller Armut ist, und erkennen wie lebenswichtig für die Europäer die Beziehung zwischen Europa und Afrika ist. So wie DREAM das Wunder der Freundschaft mit den Armen darstellt, so ist auch der Frieden in Mosambik und in einigen anderen Gegenden der Welt die Tochter einer Freundschaft, die sich immer auswegloseren Konfliktsituationen widmet. Wie könnte man nicht die Tragweite dieses Friedensvertrags vom 4. Oktober 1992 unterstreichen, aus dem die außergewöhnliche demokratische und wirtschaftliche Erneuerung dieses Landes hervorging?
 
Die Methode von Sant´Egidio ist einzigartig: Sie ist von der des anderen Propheten, dem guten Papst Johannes XXIII. inspiriert, die daraus bestand, immer das beiseite zu lassen, was trennt und mit dem zu beginnen, was vereint. Sie gründet
sich auf die Wahl der einfachsten Mittel, extreme Bescheidenheit und den Wunsch nur den anderen Künstlern des Friedens zu dienen, indem man mit ihnen eine respektvolle Beziehung pflegt. Schließlich wendet sie hier in der Welt der diplomatischen Feinheiten die einfache Kraft des geduldigen Zuhörens, des Respekts und der Freundschaft, die allen angeboten wird, an. Eine Diplomatie der „schwachen Kraft“ in gewisser Weise.
 
 Ist eine solche Methode unfehlbar oder unwiderstehlich? Sicherlich nicht, denn wir sind auf einem Gebiet, wo sich Interessen, Grausamkeiten und menschlicher Starrsinn vermischen. Sie ist vor allem ein wertvoller Beitrag für eine Zivilisation, die am Beginn des 21. Jahrhunderts entdeckt, dass der Frieden und der Krieg zu ernste Dinge sind um sie exclusiv den Generälen und den Diplomaten zu überlassen.  Sie ist ein Beitrag für die Rolle, die die zivile Gesellschaft spielen kann und soll, damit die Welt dem Frieden und der Geschwisterlichkeit näher kommt. Dieser Fortschritt jedoch bleibt unerreichbar, wenn die großen spirituellen und religiösen Kräfte nicht kraftvoll ihre Rolle ausfüllen, zu der sie berufen sind.
 
 An dieser Stelle bleibt mir die dritte Mission (Aufgabe), die Sant´Egidio im Dienst des Friedens angenommen hat und offenbar das Wunder, das sie begleitet, zu unterstreichen: Der interreligiöse Dialog in der Folge des Friedenstreffens von Assisi vom 27. Oktober 1986. Am Beginn stand offensichtlich die geniale Initiative von Papst Johannes Paul II. Man erinnere sich an seine Worte an die Diplomaten: „Diese Welt braucht es dass ie Männer und Frauen, die ein Gespür für die religiösen Werte haben, den anderen helfen, den Geschmack und den Wunsch einen gemeinsamen Weg zu gehen wiederzufinden“. Das ist der „Geist von Assisi“.  Er entschied also – entgegen den Vorbehalten eines Teiles der Kurie – an diesem 27. Oktober 1986 124 christliche und nichtchristliche Religionsvertreter in Assisi zu versammeln.
Dem Ort, den die seraphische Figur des Franziskus in ein Zentrum der universellen Geschwisterlichkeit  verwandelt hat. Die Bedeutung dieses Treffens war und bleibt außergewöhnlich. Aber - um genau zu sein - waren seine Gegner davon überzeugt, dass es einmalig bleiben sollte und dieses Treffen nicht fortgesetzt werden sollte. An diesem Punkt brachte sich Sant´Egidio ein. Trotz der Missbilligung der vatikanischen Verwaltung gründete sie die internationale Assoziation „Menschen und Religionen“ um wie es Jean-Dominique Durand so gut ausdrückt, die Türen von Assisi offenzuhalten und die Möglichkeiten (des Dialogs) weiterzuentwickeln, koste es, was es wolle. Ein erstes Treffen fand so (seit) 1987 in Rom selbst mit der Unterstützung von außergewöhnlichen Menschen, wie es Cardinal Martini und Msgr. Vincenzo Paglia sind, statt. Seitdem wird dieses Ereignis jedes Jahr mit wachsendem Erfolg und an bedeutungsvollen Orten fortgesetzt. Aachen erinnert sich an das Treffen vom September 2003 – 40 Jahre nach der (berühmten) Rede von Martin Luther King: „I have a dream...“   Jetzt im September werden sie uns nach  Krakau und Auschwitz führen. Jedes dieser Treffen ist eine Gelegenheit im Herzen der Menschen das Engagement für den Frieden und die Geschwisterlichkeit zu verankern. Sie sind eine Gelegenheit, ständig bei den Menschen der Religionen die soziale Verantwortung wiederzubeleben und ihre immense Verantwortung ohne Unterlass für die Vergebung und den Frieden zu beten. Um es mit den Worten von Johannes Paul II. zu sagen: 
„Ihre geschichtliche Verantwortung  für den Frieden der Menschheitsfamilie zu beten, denn der Frieden ist ein Geschenk Gottes, das er den Menschen in die Hände gegeben hat.“
 
Die Geschichte wird eines Tages von der gewaltigen (beachtlichen) Bedeutung dieser jährlichen Pilgerreisen von Stadt zu Stadt sprechen. Sie wird den interreligiösen Dialog in ständig sich verändernden Umständen aktualisieren, dessen unumgängliche Notwendigkeit die Welt jeden Tag immer mehr entdeckt. 
 
 Drei Charismen, drei Aufgaben, drei Wunder! Ich stelle mir vor, dass hierin einige der vielfältigen Gründe liegen, die Ihre sehr richtige Entscheidung rechtfertigen, den Karlspreis Andrea Riccardi zu verleihen. Ihre Wahl trifft sich mit  der außergewöhnlichen Wichtigkeit der Botschaft von Sant´Egidio. Dies geschieht in einem Moment,  in dem das Weltsystem, das durch die Gier beherrscht wird, an seinen eigenen Exzessen zusammenzubrechen scheint. Dieser Welt mangelt es an Freundschaft und Hoffnung. Diese Welt hat mehr denn je Menschen nötig, die an den Menschen glauben und daran, dass Gott an den Menschen glaubt, mehr als er selbst.
 
Andrea Riccardi und Sant´Egidio bringen ihr diese Freundschaft, diese Hoffnung und diesen Glauben. 
Dafür verdienen sie großes Lob!