Rede des Oberbürgermeisters der Stadt Aachen, Dr. Jürgen Linden

Verehrte Festgäste!
 
Die weltweite Finanzkrise zeigt: Wir können ohne ethische Prinzipien, ohne eine soziale und humane Ordnung nicht überleben.  Der freie Finanzmarkt hat zu viele Menschen ausgenutzt, Profitsucht von Wenigen die Arbeit und Existenz von Millionen gefährdet.  Es ist unerklärlich, dass die Welt diesem Treiben jahrelang nur zugeschaut hat. 
 
Wir brauchen global eine neue soziale Marktwirtschaft, eine Verständigung der Politik und Wirtschaft auf faire Welthandelsbedingungen und Mindeststandards für Beschäftigung. 
 
Wir brauchen Normen für den internationalen Finanz- und Kapitalmarkt, Gleichberechtigung der Handelspartner und eine effektive Kontrolle der ökonomischen Abläufe. Wir brauchen vor allem Solidarität und Teilhabe, einfach: eine gerechtere Gesellschaftsordnung.
 
Es ist die besondere Aufgabe von uns Europäern, den Völkern zu zeigen, dass eine solche neue Ordnung Wirklichkeit werden kann. 
 
Das humane Zusammenleben der Menschen in der einen globalisierten Welt ist die große Herausforderung, der sich der Träger des Internationalen Karlspreises 2009 seit vielen Jahren stellt. Begrüßen Sie mit mir den Gründer der Gemeinschaft von Sant’Egidio, Herrn Professor Andrea Riccardi.
 
Mit ihm begrüßen wir die Karlspreisträger früherer Jahre: 

Eine besondere Freude bereitet uns zudem mit seiner Anwesenheit der Karlspreisträger 2004, der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments, Herr Pat Cox, dem ich an dieser Stelle aufrichtig danken möchte für die Ehre, die er uns mit der Laudatio auf den diesjährigen Preisträger erweist.
 
Herzlich begrüßen möchte ich als weiteren Festredner den vormaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds, Herrn Michel Camdessus. 
 
 
Verehrte Gäste, 
 
auch heute haben wir wieder sehr viele Ehrengäste: Vielleicht darf ich deshalb den Vorschlag aus dem Vorjahr wiederholen und wir bringen Allen, die mit uns für Europa hier und heute verbunden sind, den verdienten Applaus am Ende der Begrüßung entgegen.      
 
In diesem Sinne möchte ich des Weiteren herzlich begrüßen den Präsidenten des Europäischen Parlaments, Herr Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering.
 
Willkommen heißen möchte ich den weit angereisten Minister of Awqaf and Religious Affairs aus dem Sultanat Oman, Sheikh Abdulla bin Mohamed bin Abdullah Al-Salmi.
 
Mit großer Freude begrüße ich die Vertreterinnen unserer Bundesregierung, und zwar die Bundesministerin für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Frau Heidemarie Wieczorek-Zeul 
sowie die Bundesministerin für Gesundheit, Frau Ulla Schmidt.
 
Ebenfalls sehr herzlich begrüße ich unseren nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten, Herrn Dr. Jürgen Rüttgers, 
sowie unser Direktoriumsmitglied, den Landesminister Herrn Armin Laschet, 
den Ministerpräsidenten der Deutschsprachigen Gemeinschaft, Herrn Karl-Heinz Lambertz,
und den Vorsitzenden der Sozialistischen Fraktion im Europäischen Parlament, Herrn Martin Schulz.
 
Sehr herzlich begrüße ich auch (in alphabetischer Reihenfolge) die Botschafter und diplomatischen Vertreter der Länder:
Bulgarien, Frankreich, Griechenland, Italien, Kroatien, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Spanien, Tansania, USA und Zypern sowie 
die deutschen Botschafter in Italien, Belgien und beim Heiligen Stuhl.
 
Ein herzlicher Gruß gilt ebenso dem Commander der Joint Forces NATO, Herrn General Ramms.
 
Wir freuen uns auch in diesem Jahr sehr über die Anwesenheit zahlreicher Vertreter der Kirchen und Religionsgemeinschaften und 
begrüßen neben unserem Bischof Dr. Heinrich Mussinghoff, 
 
die Herren Erzbischöfe Kardinal Turkson, Ghana und Onaiyekan, Nigeria als Vertreter der Römisch-Katholischen, 
 
Herrn Erzbischof Longin von der Russisch-Orthodoxen, Herrn Metropoliten Yoanta von der Rumänisch-Orthodoxen sowie 
den Bischof Evmenios Tamiolakis von der Griechisch-Orthodoxen Kirche. 
 
Wir freuen uns über die Anwesenheit von Herrn Chefrabbiner Brodman von Savyon, Israel 
und die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Frau Charlotte Knobloch.
 
 
Wir fühlen uns schließlich geehrt durch die Anwesenheit der Bürgermeister aus unseren Partnerstädten Reims,  Naumburg und Montebourg,
zahlreicher Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Städtetag und unserer Nachbarschaftskommunen 
sowie 
 
vieler weiterer namhafter Persönlichkeiten, vor allem durch die 27 nationalen Sieger des Internationalen Jugend-Karlspreises 2009.
 
 
Ihnen allen, die Sie an diesem heutigen Ereignis hier im Krönungssaal oder an Radio und Fernsehen teilnehmen, gilt der aufrichtige Gruß der Stadt Aachen.
 
 
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
 
die Globalisierung ist eine unumkehrbare Tatsache, kein Naturereignis, sondern eine menschliche Gestaltungsaufgabe.
Globalisierung ist die Herausforderung, die weit über persönliche Interessen, weit auch über die Belange von Nationen oder Bündnissen, Unternehmen oder Regionen hinaus von uns bewältigt werden muss.
Der Träger des Außerordentlichen Karlspreises, Papst Johannes Paul II., hat diese Aufgabe mit einfachen Worten beschrieben: “Das Gemeinwohl der ganzen Menschheit verlangt eine neue Kultur mit dem Ziel, der Globalisierung des Profits und des Elends eine Globalisierung der Solidarität entgegen zu halten.”
 
Insoweit steht Europa vor einer epochalen Aufgabe.
 
So bedeutsam die Integrationsfortschritte der Europäischen Union seit den 50er Jahren sind, so wichtig wie der Abschluss des Grundlagenvertrages und eine behutsame Erweiterung noch für die Zukunft sein werden, so hilfreich hoffentlich auch das jüngste Krisenmanagement ist, Europa hat jetzt die Chance,  der Welt den Stempel für eine sozial gerechte Ordnung aufzudrücken.
Viele Menschen haben Angst vor dem globalen Wettbewerb, leiden auch unter seinen Folgen. General Motors und Nokia, Lehman Brothers oder auch das Los chinesischer Wanderarbeiter, afrikanischer Kinder in den Bergwerken, indischer oder philippinischer Sklaven im Nahen Osten, ja selbst eine Firmenschließung von Gates oder LG Philips in Aachen, fördern nicht das Vertrauen in die Marktwirtschaft, auch nicht in die Aktivitäten der G 20 oder die Arbeit der EU.
Deshalb müssen wir uns erinnern, dass die Verantwortung der Starken für die Schwachen zu den wichtigsten Werten unserer Gesellschaft gehört, dass dieser Wert auch Ursache für den europäischen Erfolg, die Stabilität und Entwicklung der EU ist. 
 
Solidarität ist mehr als nur eine Lebensphilosophie. Es ist eine Investition in die Zukunft. Denn, soziale Gerechtigkeit ist eine Grundvoraussetzung, dem Ideal von Frieden und Freiheit in der Welt näher zu kommen.
 
Deshalb ist es heute die große Aufgabe der EU, nicht nur erfolgreich als Krisenmanager tätig zu sein, Kontrolle, Transparenz und Spielregeln von Handels- und Wirtschaftsbeziehungen weltweit herzustellen, sondern auch Menschenwürde, soziale Verantwortung und Gerechtigkeit zu stärken. 
 
Ein solches Projekt ist für die große Politik vielleicht neu. Es bedarf aber ihres Engagements und ihrer Vereinbarungen, vor allem der wirksamen Umsetzung durch die Weltorganisationen. Dieses Projekt braucht allerdings auch die Leidenschaft der
Basis, die Überzeugung, das entsprechende Bewusstsein der Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen und beruflichen Funktionen. 
 
Es braucht einfach den Idealismus der Mehrheit der Weltbevölkerung.
 
Wie illusorisch und theoretisch - vielleicht sogar weltfremd - das auch für die meisten Ohren klingen mag, man muss das praktizieren.
 
Idealismus, Leidenschaft und soziales Engagement, die Überzeugung von der Bedeutung christlicher Nächstenliebe sind die Triebfedern für die Arbeit von Sant’Egidio. Privilegiert durch Freiheit und Wohlstand ihres Lebensumfeldes haben Andrea Riccardi und seine Mitbegründer den Kampf gegen Armut und Elend, gegen Hunger und Krankheit, Einsamkeit und Ausgrenzung aufgenommen. Sie haben in den Anfängen durch individuelle Zuwendung unterprivilegierten Mitmenschen eine Chance auf Selbstentfaltung und -verwirklichung gegeben, Bildung gegen Hoffnungslosigkeit, Kultur gegen Gleichgültigkeit gesetzt. Später haben sie sich im Kampf gegen Seuchen, für Gesundheits-, aber auch demokratische Gesellschaftssysteme engagiert. 
 
Inzwischen vermitteln sie zwischen streitenden Völkern und Regionen und haben im Falle Mosambik nachhaltig Frieden gestiftet.
 
Hartnäckig und durchaus erfolgreich ist die sogenannte “UNO von Trastevere” unter Professor Riccardi heute in vielen Teilen Europas und der Welt im Einsatz, um soziale Gerechtigkeit, um Anstand, Moral und Solidarität zur Grundlage gesellschaftlichen Handelns zu machen.
Sant’Egidio ist ein Vorbild für die ethische Grundordnung, die unsere Welt braucht.
Andrea Riccardi ist der Motor dieser Gemeinschaft, ein Mann mit Visionen und Zielen, einer der hart arbeitet und die Organisation diszipliniert führt, einer der anerkannt ist, weil er auf einem Feld Kompetenz beweist, wo Politik noch vielfach versagt.
 
Riccardi ruft dazu auf, dass in unserer multi-polaren Welt mehr Abstimmung und Zusammenarbeit praktiziert werden, dass man Bündnisse der Stärkeren mit den Schwächeren schließt, dass man möglichst Jeden motiviert und beteiligt, um so - Schritt für Schritt - eine neue Form des Zusammenlebens zu gestalten.
   
Das Direktorium zur Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen würdigt mit der diesjährigen Auszeichnung den unermüdlichen Einsatz von Professor Andrea Riccardi und vieler seiner ungezählten Mitstreiter um eine bessere Welt, um Mitmenschlichkeit und den Aufbau einer solidarischen, von unten wachsenden Gesellschaftsordnung. Er und seine Organisation haben diese guten alten europäischen Werte, die aus christlich-jüdischen Wurzeln stammen, die durch Aufklärung, Französische Revolution und Menschenrechte, schließlich die Normen der neuen Demokratien nach dem Zweiten Weltkrieg ergänzt wurden, als ihre Botschaft in die Welt getragen, als unser europäisches Angebot, global Frieden durch soziale Gerechtigkeit zu schaffen.
Professor Riccardi ist in diesem - auch politischen - Sinne ein großer Europäer.
 
Sehr geehrter Herr Professor Riccardi, wir gratulieren Ihnen zur Verleihung des Internationalen Karlspreises 2009.