Laudatio von Arpad Göncz, Staatpräsident der Republik Ungarn

Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen an Bronislaw Geremek am 21. Mai 1998

Liebe Freunde!
Meine Damen und Herren!

Ich irre mich kaum mit der Behauptung, daß der Karlspreis heute eine der rangvollsten politischen Auszeichnungen in Europa darstellt. Ein Preis kann jedoch nur dann Anerkennung bedeuten, wenn mit ihm Persönlichkeiten ausgezeichnet werden, die ihm mit ihrer Person und politischen Rollenübernahme Glaubwürdigkeit verleihen. Wie es auch mit dem Karlspreis der Fall ist, mit dem nahezu fünfzig Jahre hindurch immer nur Staatsmänner geehrt wurden, die den europäischen Gedanken im Laufe ihrer Laufbahn stets wirkungsvoll und erfolgreich vertraten und die mit ihrer politischen Tätigkeit nicht nur dem Wohle des eigenen Vaterlandes, sondern ganz Europa dienen konnten. Die beiden sind natürlich nur schwer voneinander zu trennen: heute erleben wir eine Zeit, da die europäischen Vaterländer zu Europa werden, zum gemeinsamen Vaterland von uns allen.

Der Karlspreis hat sich während der nahezu fünfzig Jahre seines Bestehens den Rang erkämpft, daß heute nicht mehr nur die Preisträger den Preis beglaubigen, sondern auch der Preis selbst alle beglaubigt, denen er verliehen wird. Es genügt bloß einige Namen zu erwähnen: Jean Monnet, Konrad Adenauer, Winston Churchill, Robert Schuman, George C. Marshall, Walter Scheel, Constantin Karamanlis, Juan Carlos I., Spanischer König, Karl Carstens, Henry A. Kissinger, François Mitterrand, Helmut Kohl, Václav Havel, Felipe Gonzáles, Franz Vranitzky, Beatrix, Königin der Niederlande, Roman Herzog und ich darf einen Namen mit besonderem Stolz erwähnen, den des damaligen ungarischen Außenministers Gyula Horn, der 1990 mit dem Karlspreis geehrt wurde.

Ich glaube, diese Namensliste bestätigt beide Feststellungen von mir: der Preis gewinnt durch die Preisträger seine Glaubwürdigkeit, und dadurch, daß das Direktorium der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises sie des Karlspreises für würdig befunden hat, wird ihre menschliche Größe wie etwa in Gold gefaßt.

Aachen, die Stadt und die Person von Karl dem Großen sind in unserem historischen Bewußtsein gleich mit Europa und seit Karl dem Großen waren wir vielleicht noch nie so nahe dazu, daß die Grenzen auf der europäischen Landkarte mit den Grenzen des Europas von Karl dem Großen übereinstimmen, wie heute.

Es kommt ja selten vor, daß Preis und Preisträger eine Idee - eine sich an einem geographischen Begriff knüpfende, jedoch Geistigkeit widerspiegelnde Idee - mit dieser Kraft ausstrahlen können.

Nach alledem darf ich offen zugeben: ich bin stolz darauf, daß ich die Möglichkeit habe, Professor Bronislaw Geremek, eine der markantesten Führungspersönlichkeiten der demokratischen Opposition in Polen, die bei der Vorbereitung des friedlichen Systemwechsels eine unermeßliche Rolle spielte und die heute mit dem Karlspreis ausgezeichnet wird, Ihnen vorzustellen. Ich bin stolz auch aus dem Grunde, weil Professor Geremek in meinen Augen weit mehr ist als ein Politiker schlechthin. Er ist mein Kamerad, der in den letzten Jahren des Sowjetregimes die gleichen Ideen vertrat wie ich und während wir einander persönlich noch nicht kannten, wußten wir schon voneinander und standen einander im Herzen sehr nahe.

Ich hatte das Glück, einen der bis heute wertvollsten Ehrendoktortitel meines Lebens, die Anerkennung der Freien Universität Brüssel mit Professor Geremek, Václav Havel, Doina Cornea und einem hervorragenden Vertreter der russischen demokratischen Opposition zusammen übernehmen zu dürfen. Die protokollarischen Ehrendoktortitel, vor allem wenn damit Politiker geehrt werden, stehen nur selten im direkten Verhältnis zu deren tatsächlichen oder vermutlichen bzw. vermuteten Verdiensten. Damals und dort haben wir zu fünft jedoch auch unausgesprochen gewußt, daß diese Auszeichnung nicht an uns geht, sondern durch uns und in unserer Person an die den Systemwechsel durchführenden Intellektuellen Polens, Ungarns, der Tschechoslowakei und Rumäniens, die gerade weil sie Intellektuelle sind, die Bedürfnisse und Erwartungen ihres Volkes erkennen und in Worte zu fassen wußten und zugleich auch bereit waren, selbst auf bestimmte Gefahren hin zu tun, was sie für die Demokratisierung ihres Landes zu tun verpflichtet fühlten. Es ist natürlich, daß jemand, der heute 66 Jahre alt ist, seine Laufbahn im öffentlichen Leben nicht mit der Politik begonnen hat. Professor Geremek beendete sein Studium 1955 auf dem Lehrstuhl für Geschichte der Universität Warschau, verbrachte als Stipendiat mehrere Jahre in Paris und in den Vereinigten Staaten. Er ist anerkannter Experte der mittelalterlichen Geschichte, Professor an der Universität Sorbonne, trägt seit 1989 den Professortitel und ist Ehrendoktor der Universitäten Utrecht, Tours und der New Yorker Columbia Universität.

Gegenstand seiner Arbeit als Historiker ist das Mittelalter in seinem Land und in Europa. Er ist Mitglied des französischen Pen Clubs und der Polnischen Gesellschaft für Geschichte. Das Mittelalter kann heute wohl kaum als spannendes politisches Thema bezeichnet werden. Doch es ist kein Zufall, daß aus dem Studium des Mittelalters bei ihm ein direkter Weg zur Erkenntnis der politischen Wirklichkeit führt. Wollte ich Professor Geremek charakterisieren, und ich hoffe, Sie werden es mir nicht übelnehmen, würde ich sagen, er ist ein "prinzipientreuer Realist". Ein Mann, der für Pragmatiker typische, billige Kompromisse nicht eingeht, sondern genaue Antworten auf präzis formulierte Fragen sucht (denn er ist zugleich auch Meister des Fragenstellens und des Antwortgebens), folglich kann er die historischen Zusammenhänge und und die gesellschaftlichen Bedürfnisse der jeweiligen Gegenwart klar erkennen und in die Sprache der praktischen Aufgaben übersetzen. Ich glaube, dies erklärt ausreichend, daß er im Kampf der vielleicht bedeutendsten Arbeiterbewegung in der Geschichte Europas, in der von Lech Walesa angeführten Solidarnosc, die die Geschichte Ost-Mitteleuropas und ich würde sagen, von ganz Europa so tief betroffen hat, eine führende Rolle übernahm und Leiter der Beratergarde von Lech Walesa wurde. Es ist natürlich nur sehr schwer zu sagen, wie der Erfolg der Leiter der Millionen umfassenden politischen Bewegung auf die einzelnen Personen aufgeteilt werden kann.

Denn Erfolg wird letztendlich durch die Erkenntnis der moralischen, wirtschaftlichen und politischen Ansprüche der Gesellschaft sowie durch die Entschlossenheit, Opferbereitschaft, Klarsicht und den Mut der Massen der Bewegung gesichert. Sache der führenden Intellektuellen ist "bloß" deren Erkenntnis, Formulierung, Bewußtmachung und Vertretung.

Professor Geremek war zur Zeit des Ausbruchs der Streiks an der Meeresküste Experte des zwischenbetrieblichen Streikausschusses der Werft zu Gdansk und einer der Begründer von Solidarnosc. Das ist nun schon 20 Jahre her, viele von den damaligen Helden gelten heute schon als abgenutzt, wir haben sie aus den Augen verloren oder sie sind enttäuscht, weil sie nach dem Systemwechsel nicht mehr ihren Platz finden konnten oder weil einfach der Kampf den Sinn ihres Lebens bedeutete und nicht der getreu formulierte Gedanke. Professor Geremek hatte auch einen Sinn für den Kampf und auch für die Formulierung des Gedankens. Er probierte auch das Gefängnis aus, dann wurde er neben dem charismatischen Arbeiterführer Lech Walesa Mitglied des Staatsbürgerlichen Komitees (KO). 1989 nahm er als Mitglied der Delegation von Solidarnosc im Amt des Mitvorsitzenden der Arbeitsgruppe für die Frage der politischen Reformen an den Rundtischverhandlungen teil, die als politische Wiege des heutigen demokratischen Polens gelten. Von diesem Zeitpunkt an gehörte Professor Geremek zu den wichtigsten politischen Führungskräften seines Landes.

Nach den halbwegs freien Wahlen im Sommer 1989 wurde er Leiter und führender außenpolitischer Experte der parlamentarischen Fraktion von Solidarnosc. Meinem Land Ungarn ähnlich hat Polen zu dieser Zeit die Zugehörigkeit zu Europa formuliert. Die Geschichts- und Europakenntnisse von Professor Geremek trugen in großem Maße zu der Europapolitik bei, für die sich Polen verpflichtet hat. Als Regierungs- und dann Oppositionspolitiker der 90er Jahre war er Vorsitzender der Außenausschüsse der aufeinanderfolgenden Parlamente. Heute ist er seit Herbst 1997 als Mitglied der liberalen "Freiheitsunion" UW Außenminister der Koalitionsregierung AWS-UW. Ich glaube mit Recht behaupten zu können, daß die bevorstehende NATO-Mitgliedschaft Polens und die Beitrittsverhandlungen mit dem Ziel der Vollmitgliedschaft in der Europäischen Union größtenteils gerade den weisen Realitätsinn von Professor Geremek loben. In der hie und da scharf geteilten Öffentlichkeit seines Landes bedeutet sein heiter-nüchterner und kultivierter, zugleich steinhart konsequenter politischer Standpunkt einen unermeßlich wichtigen und berechenbaren Faktor.

Ihrer seit tausend Jahren parallel laufenden Geschichte entsprechend gehen Ungarn und Polen wieder die gleichen Wege. Die Außenpolitik beider Länder verfolgt das gleiche Ziel, die Integration in die euro-atlantischen Strukturen.

Beide Länder haben erkannt, daß für sie die Mitgliedschaft im einheitlichen Europa die Zukunft bedeutet, im außenpolitischen und wirtschaftlichen Sinne gleicherweise. Sie haben erkannt, daß die Zeit der großen Kriege vorbei ist und obwohl beide innerhalb des Aktionsradius des Ostens liegen und beide Jahrhunderte hindurch als Überschwemmungsgebiet des Ostens galten, wird diese Rolle endgültig ein Ende nehmen und sie müssen im Rahmen der NATO den Schutz des gemeinsamen Friedens in Europa übernehmen. Zusammen. Was zugleich auch die eigene historische Sicherheit bedeutet, sie können im vor Stürmen schützenden Hafen des Westens endlich vor Anker liegen.

Beide Länder schützen mit größter Hingabe die eigene Kultur, ihre hie und da tragische Geschichtsbetrachtung und das europäische, jedoch die Elemente der Kultur des Ostens und des Westens gleichzeitig in sich schließende Identitätsbewußtsein. In tiefer Kenntnis des europäischen Mittelalters hat Professor Geremek wahrscheinlich sehr bald erkannt, daß dieses Identitätsbewußtsein einen Schatzwert hat und die Grundlage bedeutet, auf der die Bekenntnis zum gemeinsamen Europa nicht erschwert, sondern geradezu erleichtert wird, ohne daß man sich davon entfernen oder das verleugnen müßte. Das Identitätsbewußtsein eines Landes hängt jederzeit mindestens so sehr vom Zeitalter, von der Kultur der Zeit, von der augenblicklichen Wirklichkeit der Gesellschaft ab wie von dessen Traditionen. Es ist jedoch immer dem Diktat der in die Zukunft übergehenden Gegenwart, den unwiderstehlichen Veränderungen und dem ununterbrochenen Einfluß der Welt ausgesetzt.

Europa und Polentum stehen jetzt nicht im Gegensatz zueinander, wie auch Europa und Ungarntum nicht gegensätzliche Begriffe sind: beide stellen einen Faden im bunten Teppichgewebe Europas dar; einen Faden, ohne den das Gewebe nicht sein könnte, was es ist.

Alles in allem ehren wir in der Person von Professor Geremek zugleich den wissensreichen Geschichtswissenschaftler und den die Wirklichkeit nie aus den Augen verlierenden, kampf- und opferbereiten Reformer und realistischen Politiker. Den Politiker, der es verstand, die europäische Souveränität mit der politischen in Einklang zu bringen, den zur Gegenwart stehenden, jedoch in die Zukunft weisenden und die Vergangenheit schonend erneuernden Staatsmann.


Lieber Freund!

Ich bin stolz und glücklich, daß ich diese paar Worte über meinen lieben und geschätzten Freund, Bronislaw Geremek sagen durfte. Lieb und geschätzt, sage ich in einem Atemzug, denn ich selbst kann nicht sagen, welches von diesen beiden Gefühlen die Beziehung von uns beiden genauer beschreibt. Ich könnte auch sagen, über meinen Kameraden oder Verbündeten oder Politiker-Gefährten, mit dem wir die Reformbestrebungen unserer Länder in sorgfältiger Abstimmung zusammen vertreten. Das alles wäre genauso wahr wie die beiden erwähnten Attribute "lieb und geschätzt".

Gestatten Sie mir, daß ich ihm, Ihnen warm die Hand drücke, auch weil es mich aufrichtig freut, daß Sie es sind, der Sie in Vertretung des brüderlichen Polens den die Geschichte Europas am prägnantesten ausdrückenden, die Erinnerung an Karl den Großen heraufbeschwörenden Karlspreis entgegennehmen können.

Ich danke für Ihre Geduld.