Rede des Oberbürgermeisters der Stadt Aachen, Hermann Heusch

Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen an Don Salvador de Madariaga am 31. Mai 1973

Wie schon siebenzehnmal in den seit 1950 verflossenen Jahren, soll heute in diesem ehrwürdigen Saal einem um Europa hochverdienten Manne der Internationale Karlspreis der Stadt Aachen verliehen werden. Wohl wenige geschichtsträchtige Bauten erscheinen zu solchem Tun so vorherbestimmt, wie dieses auf den Fundamenten der aula regia Karls des Großen erbaute Aachener Rathaus, wo schon vor zwölfhundert Jahren Europa einmal Wirklichkeit war. Aus dieser großen Tradition schöpfen wir die Berechtigung, bei dieser Veranstaltung immer wieder unsere Stimme zu erheben, die Bürger dieses Kontinents aufzurufen, das von genialen Politikern zu Anfang der fünfziger Jahre begonnene Werk zu vollenden. Im Mittelpunkt dieser heutigen Feierstunde steht ein Gewaltiger des Geistes, Don Salvador de Madariaga, den ich im Namen aller hier Anwesenden herzlich willkommen heiße. Ihm zu Ehren hat sich eine große Zahl von Gästen hier versammelt, von denen ich einige hier namentlich begrüßen möchte. Zunächst die anwesenden Karlspreisträger früherer Jahre.

Drei Träger dieses Preises aus vergangenen Jahren sind in den hinter uns liegenden Monaten in die Ewigkeit abberufen worden:
Richard Graf Coudenhove-Kalergi,
Paul-Henri Spaak und
Antonio Segni.

Coudenhoves Name ruft in uns die Erinnerung wach an jenen Maitag des Jahres 1950, an dem dieser Preis zum ersten Male verliehen wurde, als dieser Mann, der schon Jahrzehnte vorher, kurz nach Beendigung des ersten Weltkrieges für die Einigung Europas gewirkt, sozusagen als Prediger in der Wüste, hier vor uns stand und die Bürger dieses Erdteiles beschwor, nun endlich die Lehren ihres unheilvollen Streites zu begreifen und zueinander zu finden. Seinem Wesen und Wollen können wir, so glaube ich, nicht besser Rechnung tragen als durch die Beherzigung der Worte, die Hans-Joachim von Merkatz an den Verstorbenen gerichtet: "Du bist nun von uns gegangen und hinterläßt uns Dein europäisches Testament. Dein Werk, die Einigung Europas einzuleiten, zu dem Du die Initialzündung gegeben hast, bleibt den Verantwortliche, also uns allen aufgegeben, um es zu vollenden."

Der Zweite, der uns verließ, war Paul-Henri Spaak, diese starke Persönlichkeit, die durch Jahrzehnte hindurch bestimmten Einfluß auf den Gang der politischen Ereignisse in Europa genommen hat. Er war nicht nur maßgebend für die Bestimmung der politischen Grundlinien, er hat sich auch mit der ganzen Kraft seiner dynamischen Persönlichkeit um Details bemüht, weil er vermeiden wollte, daß die Ausführung großer Gedanken schließlich an Kleinigkeiten scheiterte. So hat er am Entstehen zahlreicher Vertragswerke mitgewirkt; er selbst sah als Krönung dieser Arbeiten sein Mühen um das Zustandekommen der Römischen Verträge an. Er sagt darüber in seinen Erinnerungen: "De toutes ces entreprises, celle qui devait conduire à la constitution d'une Europe économiquement et politiquement unie est celle à laquelle je me suis donné avec le plus de coeur, de continuité et de volonté." Diese Worte verkünden die Leitidee, die seine schöpferische politische Arbeit in den ganzen Nachkriegsjahren bestimmt hat.

Schließlich wurde dann auch Antonio Segni von jahrelangem Siechtum erlöst. Als enger Mitarbeiter Alcide de Gasperis war Segni aus tiefster innerer Überzeugung der Schaffung eines einigen Europa verpflichtet. Es ist nichts weniger als ein Zufall, daß sein Name für Italien unter den Römischen Verträgen steht, hat doch sein zähes Wollen zum Zustandekommen dieser Verträge vieles beigetragen. Diesem seinem Wollen hat er auch vor uns deutlichen Ausdruck verliehen, als er von diesem Rednerpult aus am 7. Mai 1964 an die hier zu seinen Ehren Versammelten die Worte richtete: "Wir, die wir ein Vereintes Europa anstreben, müssen es verstehen, in unseren Völkern eine Welle der Begeisterung auszulösen, die den politischen Willen zur Bildung Europas zu beflügeln imstande sein muß. Nur die großen Bewegungen der öffentlichen Meinung können die Voraussetzungen schaffen, auf denen die Regierungen mutig etwas Dauerhaftes aufzubauen vermögen. Angesichts der großen Wendepunkte der Geschichte zählt der idealistische Impuls weit mehr als die kühle Berechnung und die Staatsräson im üblichen Sinne."

Ich meine, diese letzten Worte Segnis verdienen es, gerade jetzt besonders festgehalten und bedacht zu werden. Mir kommt da ins Gedächtnis ein Vorgang aus dem Anfang der fünfziger Jahre, ein Gespräch zwischen Teitgen, Adenauer und Spaak, als damals das ungewisse Schicksal des Saargebietes zwischen Frankreich und Deutschland stand und Adenauer, um des höheren Zieles der Bereinigung dieses Verhältnisses willen, sich mutig mit der Schaffung eines europäischen Statuts für das Saargebiet einverstanden erklärte. Diese Lösung wurde dann zur technischen Durchführung in die Hände der Fachleute gelegt, die sich so gründlich damit beschäftigten, daß die Suche nach der Perfektion im Detail zur Folge hatte, daß aus dem Ganzen nichts wurde. Hier hatte zweifellos bei dem sonst so nüchternen Konrad Adenauer "der idealistische Impuls" weit mehr als "die Staatsräson im üblichen Sinne" entschieden, wobei allerdings zweifellos die Staatsräson im höheren Sinne den Ausschlag gegeben hatte. Das von mir zitierte Beispiel datiert in einer weit zurückliegenden Zeit. Leider ließe es sich durch eine Fülle gleichartiger Vorgänge aus der jüngsten Vergangenheit ergänzen. Immer wieder müssen wir von Marathonsitzungen hören, in denen die Beteiligten bis zur Grenze der Erschöpfung um irgendwelche Regelungen feilschen. Alle der Europäischen Gemeinschaft angehörigen Länder besitzen inzwischen für alle der Kompetenz der Gemeinschaften unterliegenden Fragen so hervorragende Spezialisten, daß das Gespräch der Fachleute schier endlos zu werden droht. Der Perfektionismus triumphiert und der politische Wille, der eigentlich den Ausschlag geben sollte und müßte, leidet Schaden. Es kommt im jetzigen Augenblick natürlich hinzu, daß die von uns allen lebhaft begrüßte Erweiterung der Gemeinschaft von sechs auf neuen Länder, aus der Natur der Sache heraus, ganz unvermeidliche Schwierigkeiten zur Folge hat. Aber gerade deshalb wäre dringend zu wünschen, daß von oben her der politische Wille mehr und mehr verdeutlicht würde. Leider gewinnt man doch heute mehr und mehr den Eindruck, daß hier nicht die Mitglieder einer Gemeinschaft zusammensitzen, die das Interesse dieser Gemeinschaft sehen, sondern die Vertreter souveräner Staaten, deren oberstes Ziel es ist, für das von ihnen vertretene Land ein Maximum an Vorteilen herauszuhandeln. Dabei kann es keinem Zweifel unterliegen daß letzten Endes jeder Einzelne am besten fährt, wenn das Interesse des Ganzen optimal gewahrt wird. Manchmal muß man heute schon fast befürchten, als gänzlich weltfremder Idealist angesehen zu werden, wenn man diese Ansicht äußert. Und doch sind, Gott sei Dank, auch heute noch viele mit mir der Auffassung, daß eine solche Betrachtung der Lage sehr viel realistischer ist als das gänzlich antiquierte Beharren auf reinen Interessenstandpunkten wie sie im 19. Jahrhundert gang und gäbe waren. Wie ist es möglich, daß so viele Mühe und soviel Sachverstand auf Dinge verwandt wird, die vollkommen nachrangig sind, die Einzel- oder Gruppeninteressen diesen, aber für die Erreichung des großen gemeinsamen Zieles keine Bedeutung haben? Wäre es da nicht sehr viel lohnender, sich endlich einmal Gedanken darüber zu machen, auf welchem Weg wir schnellstens zu praktischen politischen Ergebnissen kommen? Von Zeit zu Zeit gibt es dann Gipfelkonferenzen, es werden richtungsweisende Beschlüsse verkündet und praktisch sind wir von der politischen Einheit noch genau so weit entfernt wie wir vor zehn Jahren waren. Könnten nicht die gleichen Männer, die diese Beschlüsse fassen, als Verantwortliche für die Politik des eigenen Landes hingehen und endlich einmal dafür Sorge tragen, daß die eigenen Parlamente nicht fortdauernd neue nationale Gesetze beschließen, die in keiner Weise mit den anderen Ländern abgestimmt sind und die notwendige Vereinheitlichung nur noch zusätzlich erschweren. Die Vergangenheit hat uns gelehrt, daß, soweit für die Regelung einzelner Fragen in den Verträgen Fristen gesetzt waren, diese Fristen auch eingehalten wurden, ja, in den ersten Jahren konnte vieles sogar lange vor Fristablauf geklärt werden. Sollte nicht endlich der Ministerrat dazu übergehen, für die Regelung vieler Fragen, die sehr zum Schaden des Ganzen immer noch offenstehen, nun auch Fristen zu setzen? Und noch eines: der langjährige, verdienstvolle Vorsitzende der Europa-Union Deutschland, Baron Oppenheim, hat kürzlich mit vollem Recht betont: "Westintegration und Westkooperation sind Grundlage und Voraussetzung für gesamteuropäische Kooperation." Die politische Einheit der freien Völker Europas, der europäische Bundesstaat, bleibt das unverrückbare Endziel, für dessen Erreichung uns nicht mehr allzuviel Zeit verbleibt, wenn wir in Freiheit weiterbestehen wollen. Nach meiner Meinung sollte man sich auch etwas mehr Gedanken darüber machen, auf welchen Wegen zusätzlich Gemeinsamkeiten zu erzielen und damit die europäische Basis immer mehr verbreitert werden kann. Gestatten Sie mir hierzu den Hinweis auf ein Beispiel, das in diesem Dreiländereck besonders sinnfällig ist: Es gibt hier Universitäten mit großer Tradition und solche, die sich im Aufbai befinden; da werden neue Forschungszentren eingerichtet und Programme erarbeitet, da werden auf Kosten der Steuerzahler aufwendig Einrichtungen geschaffen und in jedem Land geschieht dies ohne Kenntnis der Pläne des Nachbarn. Drängt sich hier nicht eine intensive Zusammenarbeit geradezu auf, ist doch die Wissenschaft ein Feld, das wahrlich keine nationalen Grenzen kennt. Ich sehe da die Möglichkeit, mit einem vertretbaren Aufwand zu einem Maximum an Effizienz zu kommen. Bietet sich da nicht der Gedanke an, in diesem Dreiländereck, dort wo die drei Staatsgrenzen aneinanderstoßen, auf einem aus den drei Hoheitsgebieten herausgeschnittenen Bereich für gewisse Wissenschaftsgebiete gemeinsame Forschungszentren zu schaffen, die Lehrenden und Lernenden aller in diesem Bereich domizilierenden Universitäten zur Verfügung stehen? Ich mache diesen Vorschlag aus der Sicht dieser Stadt, bin mir aber wohl klar darüber, daß es in zahlreichen anderen Grenzräumen ähnliche Möglichkeiten gibt, die man genausogut wahrnehmen sollte. Ich weiß auch schon heute, daß es bei der Durchführung derartiger Vorhaben administrative und juristische Schwierigkeiten geben wird. Hier wäre ein Preis auszusetzen auf improvisatorische Phantasie, der ein politischer Wille zum Erfolg verhelfen müßte. Gewiß ist es begrüßenswert, daß es in Zukunft eine europäische Universität geben wird; aber diese Tatsache entbindet uns nicht von der Verpflichtung, darauf zu sinnen, welche Wege sich zusätzlich anbieten, um unsere akademische Jugend immer mehr zusammenzuführen und die wissenschaftliche Arbeit auch im Alltag aufeinander abzustimmen. Es gibt gewiß eine große Zahl internationaler wissenschaftlicher Kongresse und es wird sie auch in Zukunft geben müssen, aber diese Zusammenarbeit an einzelnen Tagen kann niemals eine Gemeinsamkeit im Alltag ersetzen.

Im übrigen sind diese Gedanken, die Ihnen vorzutragen ich mir erlaubt habe, auch Teile von Überlegungen, die unser heutiger Preisträger in der ersten Nachkriegszeit anstellte und die dazu führten, daß er Mitbegründer und erster Präsident des Europakollegs in Brügge wurde.

Gestatten Sie mir, mit wenigen kurzen Strichen den Lebensweg Don Salvador de Madariagas nachzuzeichnen: Als Sproß einer alten Familie in La Coruna, der Hauptstadt Galiciens, geboren, kam er schon als Vierzehnjähriger nach Paris, begann im Jahre 1906 seine Studien an der Ecole Polytechnique, um dann nach zwei Jahren auf die Ecole Nationale des Mines überzugehen. Als Bergbau-Ingenieur trat er 1911 in die Dienste der nordspanischen Eisenbahngesellschaft und faßte im Jahre 1916 den Entschluß, sich ganz seinen literarischen Neigungen zu widmen. Er siedelte nach London über, wo er sich im wesentlichen mit dem Einfluß der spanischen auf die englische Literatur befaßte. 1921 begann er seine Tätigkeit beim Genfer Völkerbund und blieb dort bis Ende 1927 als Leiter der Abrüstungsabteilung. Zu diesem Zeitpunkt übernahm er den Lehrstuhl für spanische Literatur in Oxford. 1931 wurde er spanischer Botschafter in Washington, um schon 1932 in gleicher Eigenschaft nach Paris überzusiedeln und schließlich als spanischer Erziehungsminister zu wirken. Im Jahre 1936 ging er erneut nach Oxford. Viele Studienreisen und Lehraufträge führten ihn durch die Vereinigten Staaten und Latein-Amerika, Australien und Indien, ganz abgesehen von den Ländern Europas. Während des Krieges sprach er regelmäßig im britischen Rundfunk in spanischer Sprache nach Südamerika sowie in für Westeuropa bestimmten Sendungen in Französisch und Deutsch. Gleich nach dem Kriege nahm er wieder eine umfangreiche internationale Tätigkeit auf: als Präsident der Liberalen Internationale, deren Ehrenpräsident er 1952 wurde, als Präsident der Kulturabteilung der Europäischen Bewegung seit ihrem Bestehen; als solcher wurde er Mitbegründer des Europäischen Kulturzentrums in Genf und des Europa-Kollegs in Brügge. Allein die Liste seiner historischen und politischen Publikationen ist überwältigend, ganz abgesehen von seinen fast zahllosen gelegentlichen Veröffentlichungen und Zeitungsartikeln.

Nun lassen Sie mich noch übergehen auf Madariagas spezielle Legitimation zur Entgegennahme des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen. Schon in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen hat Don Salvador den Kampf für ein einiges Europa begonnen. Als überall der Nationalismus noch groß geschrieben wurde, hat er seine Zuhörer in Erstaunen versetzt mit seinen europäischen Gedanken; als dann die Nacht über Europa hereinbrach, da wußten, wie Antonius Verleye schreibt, viele sich in der Gemeinschaft der Ideen mit ihm einig und hielten ihre Blicke gerichtet auf den Stern, den ihnen prophetische Führer wie Madariaga gezeigt. Dank seinem ebenso profunden wie umfassenden Wissen war er wie wohl kein anderer geeignet, die geistigen und die historischen Grundlagen eines Vereinigten Europa aufzuzeigen. Stellvertretend für viele Darstellungen aus seiner Feder darf ich ihn zitieren, wie er in seinem "Portrait Europas" den europäischen Geist wie folgt darstellt: "Hier dröhnt das Gelächter eines Rabelais, hier leuchtet das Lächeln eines Erasmus, hier sprüht der Witz eines Voltaire. Gleich Sternen stehen an Europas geistigem Firmament die feurigen Augen Dantes, die klaren Augen Shakespeares, die heiteren Augen Goethes und die gequälten Augen Dostojewskis. Ewig lächelt uns das Antlitz der Gioconda, für ganz Europa ließ Michelangelo die Gestalten des Moses und des David aus dem Marmor steigen, schwingt sich die Bachsche Fuge in mathematischer Harmonie empor. In Europa grübelt Hamlet über das Geheimnis seiner Tatenlosigkeit, will Faust durch die Tat dem quälenden Grübeln entrinnen; in Europa sucht Don Juan in jeder Frau, die ihm begegnet die eine Frau, die er nie findet, und durch ein europäisches Land jagt Don Quijote mit eingelegter Lanze dahin, um der Wirklichkeit ein höheres Sein abzutrotzen. Aber dies Europa, wo Newton und Leibniz das Unendlich-Kleine und das Unendlich-Große maßen, wo unsere Dame, wie Alfred de Musset gesagt hat, in ihrem steinernen Gewande betend knien, wo das Silberband der Ströme Städte aneinanderreiht, die die Arbeit der Zeit in das Kristall des Raumes meißelt, ... dies Europa muß erst erstehen."

Nachbetrachtet kann es nicht Wunder nehmen, daß die Haager Konferenz von 1948 ihn an die Spitze der Kommission berief, der die Schaffung eines europäischen Kulturzentrums und eines europäischen Jugendbüros zur Aufgabe gestellt wurde. Man wußte eben von ihm, wie Jolande Jacobi schreibt, daß er zuerst Ingenieur gewesen, dann Politiker, Diplomat, Schriftsteller, Dichter und Historiker wurde, mit einem Wort: ein Universalist. Dieses sein universales Wesen hat ihn auch die Überwindung des Nationalismus als primäre Forderung erheben lassen, indem er schreibt: "Wenn diejenigen, welche die europäischen Institutionen bilden, Menschen sind, welche sich als Franzosen, Deutsche, Italiener fühlen und als nicht weiter, wenn in ihnen nicht das Gefühl für das europäische Vaterland lebt, dann werden diese Institutionen keine europäischen Institutionen sein." Auf der anderen Seite sieht Madariaga sehr klar die Vielfalt in der Einheit als ein besonderes Charakteristikum an. Er sagt das sehr klar: "Wer Europa sagt, sagt Mannigfaltigkeit und nicht Einförmigkeit, Qualität und nicht Quantität, Individualität und nicht Masse. Wer Europa sagt, sagt Eigenart. Der europäische Geist bedarf, um sich in voller Kraft entfalten zu können, einer Atmosphäre der Freiheit." Und einmal mehr bedient er sich für den gleichen Gedanken eines Bildes: "Ich möchte die Einheit Europas weder mit der eines Apfels noch mit der einer Orange vergleichen, sondern mit der einer Weintraube. Jede Nation behält ihre eigene Form, während sie durch den Stengel mit der Traube verbunden ist." Aus seiner Tätigkeit im Völkerbund weiß er nur allzu genau, mit welchen Schwierigkeiten übernationale Zusammenschlüsse zu kämpfen haben, und es mag als eine Komprimierung dieser Erfahrungen angesehen werden, was er einmal hierzu sagte: "Mai non, ce n'est pas la Société des Nations qui a fait échec, ce sont les nations de la Société."

Diese Worte beinhalten einen Aufruf an uns alle. Keiner von uns darf müde werden in der aufmerksamen Beobachtung dessen, was sich bei der Formung europäischer Gemeinschaft tut. Wachen Sinnes müssen wir daran teilhaben und unseren Beitrag leisten zu deren Gelingen. Wir dürfen nicht müde werden, die Verantwortlichen immer erneut anzuspornen, das einmal begonnene Werk fortzusetzen und alle Kräfte daran zu setzen, es zu einem guten Ende zu bringen, um damit den Frieden in Freiheit für uns und die, die nach uns kommen, zu sichern.

Wenn das Direktorium der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachensich in diesem Jahr, abweichend von einem lange geübten Brauch, entschlossen hat, einen Mann des Geistes zu ehren, dann wohl in erster Linie deshalb, weil sich immer deutlicher abzeichnet, wie sehr es darauf ankommt, die geistigen Wurzeln der Gemeinsamkeit aufzuzeigen. Haben aus guten Gründen wirtschaftliche Lösungen in den fünfziger Jahren im Vordergrund gestanden, so geht es heute viel mehr als damals darum, die Notwendigkeit der Einheit vom Geistigen her aufzuzeigen.

Sie, Don Salvador de Madariaga, sind in langen Jahren nicht müde geworden, aus Ihrem reichen Wissen schöpfend, die Grundlagen europäischer Kultur freizulegen unter Hinweis auf die großen Leitgestalten Sokrates und Christus. Und Ihr ganzes Leben war nichts anderes als ein Kampf für die Freiheit; dafür stehen Ihre Worte: "Wenn man nur das Evangelium des geeinigten Europas predigt, so ist das Stückwerk und nicht ganze Arbeit, es gehört dazu die unzweifelhafte Erläuterung, daß es sich um ein Europa handelt, in dem die Nationen und die Menschen frei bleiben sollen." So sind Sie unbeirrt durch die Zeiten gegangen, sich selbst immer treu und vielen anderen ein Vorbild. Mit Recht sagt Giovanni Malagodi von Ihnen, der Sie uns das Beispiel Ihres Lebens, Ihrer Standfestigkeit, Ihrer intellektuellen Ehrlichkeit und Ihrer moralischen Persönlichkeit bieten, Beispiele, die unsere Bewunderung und unsere liebevolle Verehrung verdienen und Richard Coudenhove-Kalergi schrieb Ihnen: "Vous avez donné au monde un rare example d'une noblesse de l'ame unie à une superbe intelligence. Champion de la liberté, vous etes toujours resté fidèle à l'Europe et à vous-meme."

Wir hoffen und wünschen, daß dies Beispiel sich zum Besten der von Ihnen verkündeten Gedanken auswirke, auf daß Europa zur Einheit finde. Ihnen zur Ehre, Europa zur Lehre hat das Direktorium der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachenbeschlossen, Ihnen den Karlspreis 1973 zuzuerkennen.