Rede des Oberbürgermeisters der Stadt Aachen, Hermann Heusch

Verleihung des Internationalen Karlspreises der Stadt Aachen an Antonio Segni am 7. Mai 1964

"Leonardo da Vinci hat in einem seiner handgeschriebenen Manuskripte die Bemerkung hinterlassen, daß derjenige, der seinen Weg auf einen Stern hin festgelegt hat, niemals wechselt. Dieses Prinzip des italienischen Genius, der durch seine Universalität ein europäischer Genius wurde, soll der italienische Leitstern für Europa sein. Ein fortgeschrittenes, einiges und friedliches Europa ist der Stern, auf den hin das neue demokratische Italien den Weg seiner Politik ausgerichtet hat - und es wird ihn nicht mehr ändern."

Wir grüßen in unserer Mitte den Mann, der dieses Wort geprägt, zu dessen Ehren wir uns hier versammelt haben:

Den Staatspräsidenten der italienischen Republik Professor Antonio Segni.

Sein Besuch hat viele hervorragende Gäste in diesen "altertümlichen Saal" geführt, unter denen ich zunächst nennen darf die Karlspreisträger früherer Jahre:

den Karlspreisträger 1950 Graf Richard Coudenhove-Kalergi,
den Karlspreisträger 1953 Jean Monnet,
den Karlspreisträger 1961 Professor Walter Hallstein,
den Karlspreisträger 1963 Minister Edward Heath.


In Vertretung des Herrn Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland beehrt uns mit seiner Anwesenheit der Präsident des Bundesrates, Herr Ministerpräsident Dr. Diederichs.

Weiter beehren uns mit ihrem Besuch die Herren Botschafter von Belgien und Italien und die Herren Vertreter der Botschafter von Kanada, Großbritannien, Griechenland und den Niederlanden bei der Deutschen Bundesregierung, die Herren Botschafter Großbritanniens, Italiens, Österreichs und Schwedens und der Herr Vertreter des ständigen Vertreters der Niederlande bei der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Brüssel.

Außer ihnen begrüßen wir
den Präsidenten des Europäischen Parlamentes, Herrn Duvieusart,

für den Präsidenten des Deutschen Bundestages dessen Vizepräsidenten Herrn Prof. Carlo Schmid,

in Vertretung des Deutschen Bundeskanzlers Herrn Vizekanzler Mende sowie die Bundesminister Krone und v. Hassel,

den Präsidenten der Hohen Behörde der Montanunion Herrn Del Bo und die Mitglieder der Hohen Behörde Herrn Dr. Hellwig und Prof. Dr. Hettlage,

die Mitglieder der Kommission der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, Herren Levi-Sandri und von der Groeben,
die Mitglieder der Kommission der Europäischen Atomgemeinschaft, Herren Medi und Sassen,

den Präsidenten der Europäischen Investitionsbank
Herrn Formentini und deren Vizepräsidenten Herrn von Mangoldt.

Wir freuen uns über die Anwesenheit des Herrn Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Dr. Franz Meyers und der Herren Minister Franken und Pütz,
Sr. Exzellenz des Bischofs von Aachen, Dr. Pohlschneider,
zahlreicher Mitglieder des Deutschen Bundestages, worunter die Herrn Prof. Furler und Dr. Barzel und des Landtages von Nordrhein-Westfalen,
der Herren Staatssekretäre Carstens, Hopf und Lahr von der Bundesregierung und
R. Adenauer von der Landesregierung,
der Herren Botschafter der Bundesrepublik in Rom, den Haag und Luxemburg,
der Herren Präsidenten der Europa-Bewegung in Luxemburg und der Europa-Union Deutschland,
des Präsidenten des Industrie- und Handelstages Herrn Dr. Ernst Schneider.

Besonders herzlich begrüßen wir die Gäste aus dem benachbarten Ausland, worunter die Herren Gouverneure der belgischen Provinzen Lüttich und Limburg.

Das "Direktorium der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen" dankt Ihnen allen, die Sie hier versammelt sind, dafür, daß Sie seiner Einladung gefolgt sind. Ihre Anwesenheit ist uns ein Beweis dafür, daß Sinn und Zweck dieser Veranstaltung nach wie vor richtig verstanden werden: es geht hier nicht um die Ambition einer Stadt, möglichst viele glanzvolle Namen mit dem ihren zu verbinden, dem historischen Bauwerk eine ihm nicht mehr zukommende Gegenwartsbedeutung aufzupfropfen. Nein, es geht nur darum, daß hier auf ältestem mitteleuropäischen Kulturboden, der noch vor wenigen Jahren mit Strömen von Blut der Besten unserer Völker getränkt wurde, ein Gefühl dafür wach geblieben ist, daß wir unseren Mitmenschen und denen, die nach uns kommen, dafür verantwortlich sind, die unbestreitbaren Lehren aus den Erfahrungen der Vergangenheit anzunehmen. Nun könnte man wohl vielleicht sagen, daß in demokratisch regierten Ländern es Sache von Regierung und Parlament sei, Entscheidungen über politische Grundfragen zu fällen. Das ist zweifellos richtig, und doch meinen wir, es wäre traurig bestellt um die Völker, die die Ausübung ihrer Grundrechte auf die Teilnahme an allgemeinen Wahlen beschränken würden. Besteht nicht der vielleicht wesentlichste Vorzug demokratischer Staatsform darin, daß der Bürger berechtigt, ja geradezu verpflichtet ist, seine Meinung auch sonst deutlich zum Ausdruck zu bringen, wenn es um Wesentliches geht. In diesen alten Städten Europas hat die Wiege unserer heutigen Demokratie gestanden, in ihnen ist vor vielen hundert Jahren der Durchbruch von der Feudalherrschaft zur Beteiligung der Bürger an der politischen Willensbildung erfolgt. Äußerlich erkennbar wurde diese Entwicklung gerade hier an dieser Stelle, an der wir uns jetzt befinden: Im 14. Jahrhundert, als die von Karl dem Großen errichtete Aula Regia ihren Zwecken nicht mehr genügte, ging sie auf die zu politischem Selbstbewußtsein gelangten Bürger der Stadt Aachen über, die an ihre Stelle auf den gleichen Grundriß ihr stolzes Rathaus setzten. Vergegenwärtigen wir uns Aachens damalige Größe, so dürfen wir wohl sagen, daß der Rathausbau Zeugnis gibt von der Vorstellung, die unsere Vorfahren selbst von Umfang und Würde der ihnen gestellten Aufgabe hatten.

Es liegt in der gleichen Gedankenfolge, daß die Nachfahren der Bürger der Kaiserlich Freien Reichsstadt sich vorgenommen haben, ihre Stimme zu erheben zu dem, was heute not tut.

Unter uns befindet sich geschmückt mit dem Emblem des ersten Karlspreises, der vergeben wurde, der Mann, der schon vor mehr als vierzig Jahren die Völker Europas zur Besinnung auf sich selbst aufrief: Graf Richard Coudenhove-Kalergi. Hätte man zur rechten Zeit auf ihn gehört, dann wäre uns allen unendliches Leid erspart geblieben. Erst nach einer weiteren blutigen Auseinandersetzung waren die Völker bereit, seine Gedanken aufzugreifen. All das, wofür Graf Coudenhove vorher vergebens geworben, wurde nun bald das Ziel gemeinsamen Strebens. Leitende Staatsmänner gingen voran und schufen die Grundlagen europäischer Einheit. Der geniale Gedanke Jean Monnets, zunächst einmal durch die Zusammenfassung wichtiger Industrien Konfliktstoffe aus dem Wege zu schaffen, wurde von Robert Schuman aufgegriffen und durch das Vorwärtsdrängen Alcide de Gasperis, Konrad Adenauers, von Joseph Bech und Paul Henri Spaak schnell zur Wirklichkeit. De Gasperi wurde sehr bald schon aus seinem Wirken für Europa herausgerissen. Nun ist vor wenigen Monaten auch Robert Schuman von uns gegangen.

Wer den 15. Mai 1958 in diesem Raum miterlebt hat, wird niemals vergessen, wie Robert Schuman in seiner schlichten Größe den ihm verliehenen Karlspreis entgegennahm, und dann in seiner so überzeugenden Art von den vielen Widerwärtigkeiten sprach, die der Einheit Europas im Wege standen. Europa ist ärmer geworden, als er im September 1963 in seiner geliebten lothringischen Heimaterde zur letzten Ruhe gebettet wurde. Diese Armut aber ist dadurch gemildert, daß er uns vieles von seinen Einsichten und Erkenntnissen in Wort und Schrift hinterlassen hat. "Europa sucht sich; es weiß, daß seine Zukunft in seinen eigenen Händen liegt. Niemals noch war es dem Ziele so nahe. Gott gebe, daß es seine Schicksalsstunde, die letzte Chance seines Heiles, nicht verpaßt." Diese Sätze hat Robert Schuman nicht lange vor seinem Tode niedergeschrieben. Wenn wir uns der Einfachheit seiner Diktion erinnern, so zwingt uns das unverkennbare Pathos dieser an uns gerichteten Mahnung zum Aufhorchen. Ist hier nicht eine tiefe Besorgnis zu spüren, ist dies nicht ein Anruf an uns, Anruf eines Mannes, der wohl wußte, was auf dem Spiele steht, der aber spürte, daß seine eigenen Kräfte schwanden und daß er diese Mission, der er sich verschrieben hatte, nur noch weitergeben konnte an diejenigen, denen er vertraute. Robert Schuman hat in nüchterner Erkenntnis der sich auftürmenden Schwierigkeiten darum gebangt, daß Europa seine letzte Chance verpassen könnte. Diese Besorgnis dürfte wohl in seiner letzten Lebenszeit vornehmlich dadurch entstanden sein, daß er die Wiederbelebung des Nationalismus bemerken mußte. Wohl hatten wir uns damals alle nicht vorstellen können, daß nach dem Geschehen der letzten Jahrzehnte dies antiquierte Ideal jemals wieder aufgeputzt und auf die von Eitelkeit erbauten Altäre gesetzt werden könnte. Stellen wir nicht heute fest: Jede überstaatliche Initiative wird primär im Lichte nationaler Interessen beurteilt. Die europäischen parlamentarischen Körperschaften werden kritisiert, weil sie nicht aus direkten Wahlen hervorgehen - liegt es denn nicht in unserer Hand, solche direkten Wahlen auszuschreiben? Die Arbeit europäischer Institutionen wird behindert und gebremst, weil die parlamentarische Kontrolle fehlt; sie fehlt aber nur, weil wir selber sie nicht schaffen! Bei manchen Entscheidungen des Ministerrates kommt zumindest der Außenstehende nicht an dem Eindruck vorbei, daß es sich um das Ergebnis zähen Aushandelns einzelstaatlicher Wünsche handelt. Immer wieder weiß uns die Presse im voraus zu berichten, auf "welches Maximum" die einzelnen Regierungen sich vor Beginn der Verhandlungen festgelegt haben, und nachträglich dürfen wir erfahren, wer am geschicktesten verhandelt und die geringsten Zugeständnisse gemacht hat. All dieses Geschick geht auf Kosten von Europa. Angesichts der Trümmer und der Wunden des letzten Krieges, war jeder bereit, große Opfer zu bringen, um das Gelingen des als lebenswichtig erkannten Werkes zu sichern. Inzwischen hat sich die wirtschaftliche Lage in allen Ländern des freien Westens in einem damals ungeahnten Maß verbessert, wir sind in die Möglichkeit gekommen, eventuelle Einbußen auf dem einen oder anderen Gebiet sehr viel leichter zu überwinden, aber die Bereitschaft zum Einsatz ist in gleichem Maße zurückgegangen, wie die Kraft zugenommen hat. Jeder hält fest an seinen Vorstellungen von Getreide-, Rindfleisch- oder Margarinepreis, keiner will auch nur auf einen winzigen Bruchteil des erreichten Lebensstandards vorübergehend verzichten, obwohl es doch von niemand bestritten wird, daß jedes sinnvolle Zugeständnis den Boden für eine nachhaltige Aufwärtsentwicklung bereitet. Wir sind alle so satt und so wohlhabend, daß wir nicht mehr merken, daß der ganze Wohlstand auf Sand gebaut ist, wenn wir nicht politisch wach und aufgeschlossen bleiben. Die wichtigsten Fortschritte, die in neuester Zeit noch wahr zu nehmen sind, ergeben sich zwangsläufig aus den mit Abschluß der Verträge übernommenen Verpflichtungen. Ich glaube aber nicht, im Unrecht zu sein mit der Behauptung, daß es neben dieser Automatik der Verträge viel zu wenig Initiative, hervorgerufen aus der schöpferischen Umsicht der maßgebenden Politiker, mehr gibt. Was ist davon noch übrig geblieben? Schon in vergangenen Jahren haben wir davon gesprochen, daß in der nüchternen Sacharbeit für Europa viel von dem anfänglichen idealen Schwung verloren gegangen sei, aber wir sahen noch immer ein Fortschreiten und wir glaubten uns damit abfinden zu müssen, daß nachhaltiger Erfolg nur mit Geduld zu erzielen sei. Was dem aufmerksamen Beobachter aber heute nicht entgehen kann, ist die Feststellung, daß kleinliche Krämerallüren und kurzsichtige Ambitionen, die wir längst in den nationalen Mottenkammern wähnten, den endgültigen Erfolg in Frage zu stellen drohen. Wir vermissen immer wieder den entschlossenen politischen Willen, der jedes technische Detail auf den Rang verweist, der ihm zukommt, der, wenn es Mißerfolge gibt, sich nicht abfindet, sondern Ersatzlösungen bereithält, wir vermissen die Bereitschaft, mögliche Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn es zur Erreichung des politischen Zieles notwendig ist. Wir vermissen vielfach die politische Grundhaltung, die vor Jahren noch eine Selbstverständlichkeit war. Im Jahre 1952 hat Alcide de Gasperi in diesem Saale der Überzeugung Ausdruck verliehen, daß wir am Vorabend der Bildung einer föderativen Behörde ständen, "die nicht ein gemeinsames Organ der Mitgliedsstaaten, sondern Trägerin übernationaler Interessen und mit den entsprechenden Befugnissen versehen sein wird, und daß wir dank des übereinstimmenden Willens der Regierungen auf dem Wege zu jener höheren Form einer Konföderation seien, die anderswo nur durch eine langsame Entwicklung erreicht worden ist." Besonders beherzigenswert erscheint uns aber heute die von de Gasperi aufgestellte Forderung: "Gleichen Schrittes mit der Stärkung und Vermehrung der Macht der Bundeseinrichtungen müssen jedoch die Fortschritte einer europäischen Mentalität vor sich gehen. Die übernationalen Einrichtungen würden ungenügend sein und Gefahr laufen, ein Schauplatz des Wettbewerbes einzelner Interessen zu werden, wenn die an ihren Spitzen stehenden Männer sich nicht als Bevollmächtigte höherer und europäischer Interessen fühlen würden. Ohne die Schaffung dieser europäischen Mentalität würde eine jede unserer Formeln Gefahr laufen, eine leere juristische Begriffsbildung zu bleiben." Ist diese Forderung Alcide de Gasperis inzwischen erfüllt oder stehen wir nicht heute - nach Ablauf von 12 Jahren - vor dem Eindruck, daß wegen des Fehlens einer echten europäischen Mentalität vielfach nur mehr an leeren juristischen Begriffsbildungen herumgebastelt wird? Wollen wir dieses Stadium überwinden und die damit verbundenen ernsten Gefahren vermeiden, so müssen wir uns wirklich mit Entschlossenheit auf den Geist der führenden Staatsmänner besinnen, die dem europäischen Gedanken solch unvergleichlichen Auftrieb gegeben haben.

Die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen, ein Aufruf an alle Verantwortlichen zu neuer Aktivität, ist vor allem Ehrung eines um die Einigung Europas verdienten Mannes und Abstattung einer Dankesschuld. Im Kreise der Männer um Alcide de Gasperi - den dritten Träger des Karlspreises - hat der Professor der Rechte der Universität Sassari auf Sardinien, Antonio Segni, eine hervorragende Rolle gespielt. Professor Segni, der als Rechtslehrer auch in Pavia, Perugia und Cagliari tätig gewesen ist, hat im Jahre 1891 in Sassari das Licht der Welt erblickt. Durch die Schöpfung der Autonomiegesetze für Sardinien weiten Kreisen der Öffentlichkeit bekannt geworden, wurde er 1946 erstmalig Mitglied der italienischen Kammer. Von 1947 bis zu seiner Wahl zum Staatspräsidenten im Mai 1962 hat er den meisten Regierungen seines Landes in verschiedenen Ministerämtern, während mehrerer Jahre auch als Ministerpräsident, angehört. In dieser letzten Eigenschaft hat er am 25. März 1957 die Römischen Verträge mit unterzeichnet. Professor Segni hat in seiner politischen Aktivität seine großen Fähigkeiten dafür eingesetzt, im eigenen Lande den sozialen Ausgleich zu fördern und dort, wo es not tat, die wirtschaftliche Lebensgrundlage zu verbessern. Seine Landsleute werden es ihm nicht vergessen, daß er seine bodenreformerischen Maßnahmen mit der Abgabe eines großen Teiles seines eigenen Familienbesitzes begonnen hat. Im Zusammenleben der Nationen hat er stets darauf hin gewirkt, die Wunden des Krieges zu heilen, um damit gute Voraussetzungen für einen friedlichen Ausgleich zu schaffen. Kennzeichnend für dieses Streben sind die Worte, die er im Jahre 1963 in Dachau über jene echte, edle pietas sprach, "die zugleich die Opfer und den höchsten Richter ehrt, und die daher aus dem dargebrachten Opfer nicht Anlaß zu neuem Groll und neuem Streite, sondern Hoffnung und gemeinsamen seelischen Auftrieb schöpft." Und schließlich sagte er: "Wir wollen im Lichte der gemeinsamen Ideale vergessen, was uns trennte, und, gestärkt durch die Macht der christlichen Vergebung, der Nächstenliebe und der Gemeinsamkeit unseres Wollens, nur dessen gedenken, was uns für immer eint." Aufbauend auf dieser Geisteshaltung hat er den Weg nach Europa gesucht, zu jenem Europa, das er immer in atlantischer Partnerschaft gesehen und erstrebt hat. "Jede Stärkung Europas, jeder Schritt zu seiner Einigung stellt eine Festigung der Assoziierung der Völker Europas und Amerikas d. h. der Atlantischen Allianz dar in der Verteidigung des Friedens, ihres Lebens und ihres Fortschrittes," so sagte er, als die Vorberatungen für die Schaffung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zu einem positiven Abschluß gekommen waren, von dem er bei der gleichen Gelegenheit meinte, daß er den Weg für die politische Einigung Europas ebne. Überall, in London, Paris, Washington und Bonn hat er sich als Mahner zur Einmütigkeit aller Länder der freien Welt bewährt. Eine Sichtung der politischen Arbeit des Professor Segni erweist ihn als einen konsequenten und glühend begeisterten Anhänger und Verfechter der europäischen Einheit, "in einer wirklich freien, blühenden und sicheren Welt." So ist es denn auch verständlich, daß eine große deutsche Tageszeitung ihre Meldung von seiner Wahl zum italienischen Staatspräsidenten mit der Überschrift versah: "Segni, ein Sieg für Europa."

Sie, hochverehrter Herr Staatspräsident, haben dem Direktorium der Gesellschaft für die Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachenmitteilen lassen, daß Sie bereit seien, den für die Preisverleihung geltenden Bestimmungen folgend, zur Entgegennahme der Ihnen zugedachten Auszeichnung nach Aachen zu kommen. Wir danken Ihnen für die uns damit erwiesene hohe Ehre. Diese Stadt, deren heilkräftige Quellen römischen Legionären zur Erholung dienten, hat ihren geschichtlichen Rang erhalten, als vor 1200 Jahren der große Karl daran ging, hier seine Residenz zu errichten, als er nach dem Vorbild von San Vitale in Ravenna seine Pfalzkapelle und diese Aula Regia erbaute, die während sechs Jahrhunderten der Krönung von 32 deutschen Königen dienten. Hier sollte nach den Worten Alkuins die Roma secunda entstehen, und es war der Bedeutung dieses Wortes gemäß, daß Papst Leo III. von Rom nach Aachen kam, um der Kapelle der Könige den priesterlichen Segen zu erteilen. Von jenen Tagen an ist durch Jahrhunderte das Hin und Her zwischen Rom und Aachen nicht abgerissen. Die Könige, die vom Throne Karls Besitz ergriffen hatten, traten den Weg nach Rom an, um dort zu kaiserlichen Ehren zu gelangen und Aachen blieb das Ziel zahlreicher Gesandtschaften, die den Weg über die Alpen hierher suchten. Aus der Vielfalt der Beziehungen, die auch in den folgenden Jahrhunderten fortdauerten, sei mir noch ein Hinweis gestattet auf die Mitwirkung des sardinischen Gesandten Giuseppe Ossorio am Aachener Friedensschluß von 1748, der sein Bildnis der Stadt Aachen widmete. Dieses nimmt seit jener Zeit einen ehrenvollen Platz in diesem Hause ein. Wir dürfen also mit Freuden feststellen, daß Sie, Herr Staatspräsident, nicht der erste Sardinier sind, der in diesem Hause zu Ehren gelangt.

Vielen der hier Anwesenden steht die Auszeichnung Ihres großen Landsmannes des verdienten Europäers Alcide de Gasperi, noch in lebendiger Erinnerung. Wir empfinden es dankbar, daß Sie, hochverehrter Herr Präsident Segni, das Vermächtnis des großen toten weitergeführt und dem Gedanken der Einigung Europas über alle Fährnisse hinweg in Ihrer aktiven politischen Arbeit unbeirrt die Treue bewahrt haben. Ein Gedanke mag noch so populär sein, er wird niemals Gestalt gewinnen, wenn sich nicht entschlossenen Männer seiner tatkräftig annehmen. Wir wissen, daß Sie in Ihrem Lande und als dessen Wortführer beim internationalen Gespräch in der vordersten Reihe gestanden haben. Wenn Ihr hohes Amt Ihnen heute auch Beschränkungen auferlegt, so setzen wir doch das feste Vertrauen in Sie, daß Sie auch in Zukunft das Gewicht Ihres Wortes und Ihres Einflusses immer geltend machen werden, wenn es gilt, das Werk der Einigung Europas zu fördern. Aus allen diesen Überlegungen heraus hat das Direktorium beschlossen, Ihnen den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen 1964 zu verleihen.